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Dienstag, 10. Oktober 2017



Donnerstag, 22. Juni 2017


Montag, 11. September 2017 um 22:13:42 von Kulturpool Redaktion

Der Kuss - Eine kleine Geste und eine große Inspiration für die Kunst

Anlass
Gustav Klimts "Der Kuss" wird 90.

Er ist nicht nur leidenschaftlich, romantisch, erotisch oder freundschaftlich: Ein Kuss kann politisch sein und gefährlich, obsessiv, falsch, gleichgültig, sogar ein Todesbote. Nicht umsonst hat dieser ganz besondere Lippenkontakt auch die Kunst inspiriert. Kaum ein in praktisch allen Kulturen dieser Welt verbreitetes Ritual zieht uns so nachhaltig in seinen Bann. Gerade die Vieldeutigkeiten und Ambivalenzen des Kusses haben in der Kunst ein breites Echo gefunden – auch jenseits romantischer Vorstellungen von Liebe und Leidenschaft.

"Der Kuss", ursprünglicher Titel "Das Liebespaar" (Bild links), ist eines der bedeutendsten Werke von Gustav Klimt und ebenso der Malerei des Jugendstils. Es wurde in der Kunstschau 1908 vom damaligen kaiserlich-königlichen Ministerium für Kultur und Unterricht für die hohe Summe von 25.000 Kronen erworben und ist heute der unumstrittene Höhepunkt der Klimt-Sammlung der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien. In seinem Stoclet-Fries (1911 in der von Josef Hoffmann für Adolphe Stoclet in Brüssel errichteten Villa) hat Klimt das Paar mit dem Detail "Die Erfüllung" (Bild rechts) fortgeschrieben, nunmehr gänzlich sich selbst überlassen, die Differenzierung ist aufgegeben, die beiden Geschlechter werden in einer Figur symbolisiert und somit zum kunsthandwerklich-architektonischen Objekt.

Schon in der Antike - insbesondere auf griechischen Vasen - finden wir Darstellungen von Küssen - mehrheitlich von jenen zwischen Männern. Und auch in die Literatur ist der Kuss als Versprachlichung der Erotik schon früh präsent. Als Obsession in Malerei und Skulptur betrat er allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts die Bühne. Kein Wunder, dass gleich sein erster prominenter Auftritt für einen Skandal sorgte: Auguste Rodins Bronze-Skulptur “Le Baiser“ aus dem Jahre 1887 durften viele Jahre lang nur erwachsene Männer hinter einem Vorhang betrachten: Ein küssendes Paar, noch dazu in ehebrecherischer Liebe einander zugetan. Die Frau (Francesca aus Dantes „Göttlicher Komödie“) umfängt den Nacken des Mannes (ihr Schwager Paolo), ihr linkes Bein drängt zwischen seine leicht geöffneten Schenkel. Was die Gemüter zusätzlich erregte: Mit der weiblichen Figur hatte Rodin auch seine Geliebte Camille Claudel porträtiert.

Mit Auguste Rodins Skulptur "Le Baiser" aus dem Jahre 1887, die heute im Pariser Musee Rodin zu den populärsten Werken des Bildhauers gehört, begann ein regelrechter Boom in der Darstellung des Kusses. In seiner Emotionalität und Outriertheit, der für das Ornament perfekten Symmetrie zweier einander zugewandter Menschen und der mehr oder minder expliziten Sexualität eignete sich das Motiv perfekt für eine neue Kunst und ein sich veränderndes Verhältnis der Geschlechter.

Rodins Tabubruch blieb nicht ohne Folgen: „Le Baiser“ wurde zum Impulsgeber für ein eigenes Sujet in der jüngeren Kunstgeschichte. Fortan haben sich ihm unzählige Künstler gewidmet, von Franz von Stück über Edvard Munch, Ernst Ludwig Kirchner, Gustav Klimt und Karl Hofer bis hin zu Marina Abramović. Schon zehn Jahre nach Rodins Kuss feierte auch der erste Leinwandkuss (im Stummfilm „The Kiss“, den William Heise 1896 für Thomas Edisons Studio drehte) skandalisierte Erfolge auf den Jahrmärkten, wo damals die ersten Filme zu sehen waren.

Die Kunst um 1900 beschäftigte sich geradezu obsessiv mit dem Kuss. Der Jugendstil entdeckte die ornamentalen Qualitäten des Motivs. Besonders ein zentrales Werk von Peter Behrens, den Farbholzschnitt „Der Kuss“, 1898 in der Zeitschrift „Pan“ erschienen, haben viele Künstler überformt: Die zwei symmetrischen Gesichter mit oben verflochtenen Haaren gerieten zum Ornament, zu einer Ikone des Grafikdesigns im Jugendstil. Noch populärer freilich ist Gustav Klimt Gemälde „Der Kuss“, das durch Reproduktionen in vielerlei Form weltweit verbreitet wurde. Das Original gehört bis heute zu den besonderen Schätzen der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien.

Peter Behrens Farbholzschnitt "Der Kuss" (1887 in der Zeitschrift "Pan" erschienen) wurde rasch zu einer Ikone des Grafikdesigns im Jugendstil und von vielen anderen Künstlern variiert (links). - Auch Edvard Munch widmete dem Kuss diverse Arbeiten: Rechts eine Druckgrafik (Kaltnadel- und Ätzradierung auf Kupferplatte aus dem Jahr 1895) aus der Sammlung Albertina.

Klimt malte das Bild in der ersten Jahreshälfte 1908, einer Zeit, die als Klimts goldene Phase bezeichnet wird. Auf knapp vier Quadratmetern Bildfläche zeigt der Künstler eine allegorische Darstellung eines eng umschlungenen Liebespaares. Das Werk verbindet neben Gestaltungsprinzipien japanischer Kunst auch Anregungen byzantinischer Mosaikarbeiten oder mittelalterlicher Tafelmalerei und lässt die Auseinandersetzung mit dem Werk Auguste Rodins, George Minnes oder Edvard Munchs erkennen. Gustav Klimts persönlicher Stil wird hier eindrucksvoll vor Augen geführt. Durch die kostbare Ornamentierung und die Verwendung von Silber- und Goldauflagen wird eine besondere Atmosphäre geschaffen, in der sich das Paar aufzulösen scheint, oder, wie es der Kunsthistoriker Werner Hofmann formuliert, in der die uralte Spannung zwischen Mann und Frau den Körpern entzogen und in die Ornamente ihrer Gewänder verlagert wird.

Erastes küsst Eromenos (Tondo einer rotfigurigen Kylix mit einer Zeichnung des Briseis-Malers, um 480 v. Chr., links) - Judas küsst Jesus (Fresko von Thomas von Villach, um 1500, in der Filialkirche St.Georg, Gerlamoos in Kärnten, rechts).

Im Symbolismus hatten die tödlichen Küsse von Sphinx, Vampir und Co. Konjunktur. Die Nähe zwischen Kuss und Tod klingt aber auch schon im Judaskuss, dem Sinnbild für den Verrat, an, der seit dem Mittelalter lange ein prominentes Motiv in der christlichen Kunst war. Als symbolisch aufgeladener Akt zwischen personifiziertem Tod und seinem Opfer findet sich die Geste auch in Mafiafilmen (im zweiten Teil von Francis Ford Coppolas „Der Pate“ etwa küsst Michael Corleone seinen abtrünnigen Bruder und spricht so sein Todesurteil) und sogar bei Joanna K.Rowling, wenn die Dementoren in „Harry Potter“ Menschen die Seele aus dem Leib saugen.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg blieb die Faszination der Kunst für den Kuss lebendig und erreichte im Expressionismus einen weiteren Höhepunkt. Neue, bisweilen auch politische Bedeutungen erhielt der Kuss seit den 1960er Jahren vor dem Hintergrund aktueller künstlerischer und gesellschaftlicher Diskurse: Themen wie Identität, Feminismus, (Homo-)Sexualität und Körper beschäftigen Künstler/innen bis heute.

Neben Malerei, Grafik, Skulptur und Angewandter Kunst machte der Kuss vor allem in der Fotografie (und hier besonders in der Werbefotografie), im Film, in der Videokunst und in Performances Karriere.

Politische Bruderküsse: links das legendäre Graffiti mit dem Breschnew-Honecker-Kuss von Dimitry Vrubels aus dem Jahr 1990 für die East Side Gallery an der Berliner Mauer; rechts Mindaugas Bonanus Hommage an Vrubels ikonisches Polit-Kuss-Bild an einer Wand des Barbecue-Restaurants "Keulė Rūkė" in Vilnius (2016), das die "innige Verbundenheit" von US-Präsident Donald Trump mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin sartirisch darstellt.

Die innige Geste wird nicht zuletzt auch oft zum Testfall für die Politik, denn wer wen küssen darf, kann ethischen, moralischen und religiösen Fragen unterliegen. Der israelische Fotograf Ilya Melnikov startete 2016 für das Magazin „Time Out“ die Kampagne „Jews & Arabs Kiss“, nachdem das Kulturministerium das Buch „Geder Chayah“ vom Lehrplan nahm, das von einer Liebe zwischen einer Jüdin und einem Palästinenser handelt. Als politisches Statement gehörte im 20. Jahrhundert auch der sozialistische Bruderkuss zwischen Staatsoberhäuptern zum Alltag. Protokollarisch korrekt eigentlich nur auf die Wange, verrutschte er beim ehemaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew und SED-Generalsekretär Erich Honecker, dem Vorsitzenden des DDR-Staatsrates, 1979 nach reichlichem Wodka-Genuss jedoch so spektakulär, dass die beiden sich unversehens knutschten. Dimitry Vrubel diente das Foto dieses Missgeschicks 1990 als Vorbild zu seinem berühmten Gemälde für die East Side Gallery an der ehemaligen Berliner Mauer. Ein Viertel Jahrhundert später machte eine Hommage an Dimitry Vrubels Graffiti weltweit Social Media-Karriere: Auf dem Bild des litauischen Künstlers Mindaugas Bonanu zeigen US-Präsident Donald Trump und Wladimir Putin, der Präsident der Russischen Föderation, ihre „innige Verbundenheit", die Gerüchten zur Folge auch zu Trumps Triumph bei den Präsidentenwahlen beigetragen haben soll.