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Rudolfsheim-Fünfhaus

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1. Rudolfsheim Fünfhaus

Rudolfsheim-Fünfhaus ist der 15. von Wiens Bezirken. Er ist durch Zusammenschluss und Eingliederung von Vorortgemeinden entstanden. Der Fläche nach gehört er zu den kleineren, nach Einwohnern aber zu den mittleren Bezirken, d.h. er ist relativ dicht besiedelt. Die Zahl der Einwohner wird bis 2035 im Wiener Durchschnitt steigen. Weil aber kaum freie Bebauungsflächen vorliegen, nimmt laut Prognosen die Wohndichte weiterhin zu (vgl. Lebhart u.a. 2007, 74). Die Mieten sind im Fünfzehnten vergleichsweise günstig, nur in den Bezirken 10 und 11 kostet der Quadratmeter monatlich weniger (vgl. n.n. 2016, o.S.).

Der Bezirk wird im Süden vom Wiental, im Osten vom Gürtel und im Norden durch die stark befahrene Gablenzgasse begrenzt. Nur im Westen ist die Grenze, „wenn man von der Stadtkante beim Auer-Welsbach-Park absieht, im Stadtgrundriß nicht bemerkbar“ (Achleitner 1995, 117). Vom Gürtel stadtauswärts ist der Bezirk von mehreren Ausfallstraßen durchzogen, die seine Struktur entscheidend prägen: Sechshauser-, Mariahilfer-, Felber- und Hütteldorferstraße sowie die genannte Gablenzgasse. Die Trasse der Westbahn teilt den Bezirk seit Mitte des 19. Jahrhunderts in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Die Bilder zeigen den alten, 1858 fertiggestellten Westbahnhof. Er wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fast vollständig zerstört und in den Jahren 1950-54 wiederaufgebaut. Die zeitgenössische Kritik mokierte sich vor allem über die hohe Empfangshalle, da ja in diese keine qualmenden Loks mehr einfuhren. Heute ist dieser überdimensionierte ‚öffentliche Raum‘ – unabhängig von seiner architektonischen Qualität – als ein Zeichen urbanen Denkens akzeptiert“ (Achleitner 1995, 150 f.). Zwischen 2008 und 2011 wurde dieser wiedererrichtete Westbahnhof renoviert und um ein Einkaufszentrum erweitert.

Zwischen Stadthallenareal und Schmelz liegt das sogenannte Nibelungenviertel rund um den Kriemhildplatz. Dass die Straßen dort nach Figuren der Nibelungen benannt sind, führt Herbert Nikitsch vor allem auf die Popularität Richard Wagners zur Zeit der Benennung zurück. Es wird aber wohl auch Ausdruck des aufkommenden Deutschnationalismus in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sein (vgl. Nikitsch 2013, 44). Von den Straßennamen abgesehen ist am Nibelungenviertel vor allem die Vielfalt architektonischer Ideen interessant. „So finden sich hier auf relativ engem Raum Gebäude, in denen sich die Abfolge wie auch die Verwerfungen der seinerzeitigen politischen Systeme und gesellschaftlichen Konstellationen dokumentieren: das Spätgründerzeitensemble als Repräsentant des bürgerlich-repräsentativen privaten Wohnbaus, der kommunale Wohnblock aus der Ära des ‚roten Wien‘, ein Beispiel des ‚ständestaatlichen‘ Fürsorgewesens in Gestalt eines später zum gemeindeeigenen Wohnhaus umfunktionierten ‚Familienasyls‘ sowie eine unterschiedlichen Konfessionen dienende Sakralarchitektur.“ (ebd., 34 f.). Um die Jahrhundertwende hätte „die größte Gstettn Wiens, die Schmelz“ (Maderthaner/Musner 1999, 146) mit mehreren hundert Bürgerhäusern im Stil des Sezessionismus zur ‚Luegerstadt‘ verbaut werden sollen. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs stoppte das Vorhaben, die Fläche wurde wieder landwirtschaftlich genutzt und die Schrebergartenkolonie „Zukunft’ samt Volksrestaurant, dem ‚Schutzhaus Zukunft‘, entstand.

Gebäude, deren Architektur und Funktion sich auf Struktur und Leben des nördlichen fünfzehnten Bezirks vorrangig auswirken, sind: die städtische Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz, schräg gegenüber das Einkaufszentrum Lugner City, westlich dahinter das Areal um die Wiener Stadthalle, das Stadthallenbad und den Vogelweidpark, weiter westlich die erhöht gelegene Stadtterrasse ‚Auf der Schmelz‘, südlich davon der Meiselmarkt und die ‚Wasserwelt’ genannte Gegend um das ehemalige Kaiserin-Elisabeth-Spital. Über Hauptbücherei (1999-2003) und Lugner City (1988-1990) gibt das im Kulturpool gesammelte Material aufgrund ihrer Entstehungszeiträume noch keine Auskunft. Die Stadthalle wurde in den Jahren 1952-58 gebaut und ist in Fritz Achleitners Architekturführer durch Österreich ausführlich beschrieben: „Die Wiener Stadthalle ist zweifellos der Schlüsselbau der Wiener Nachkriegsarchitektur, wenn man von der Wiederherstellung der großen Symbole wie Stephansdom, Parlament, Burgtheater oder Staatsoper absieht. […] Man wollte nicht nur eine Sporthalle für Leichtathletik, Boxen, Ringen, Tennis, Radrennen, Reit- und Springturniere oder Eishockey, sondern auch das ganze Spektrum kultureller Veranstaltungen, vom Theater, Konzert, von der Oper bis zum Varieté, Zirkus oder zur Revue, aber auch für Ausstellungen, Versammlungen, Messen, Tierschauen, Großkinos oder Sängerfeste, kurz, ein flexibles und variables Veranstaltungsinstrument für maximal 15.000 Menschen. […] Es handelt sich also bei der Architektur der Stadthalle um eine komplexe Überlagerung von Leistungs- und Ausdrucksform, die auch in den attraktiven Foyers (Gestaltung der Bewegung von Menschenmassen) oder gar im expressiven Faltwerk der Eislaufhalle besonders hervortritt. […] Jedenfalls wirkt dieser komplexe Bau nach einigen Jahrzehnten des Gebrauchs erstaunlich unverbraucht und lebendig, auch die Einbeziehung der Kunst hält einer kritischeren Überprüfung stand“ (Achleitner 1995, 146-149). Das Stadthallenareal wird im Osten und im Norden von Parks abgeschlossen. Der Name des Märzparks deutet noch auf darauf hin, dass sich an seiner Stelle früher der Schmelzer Friedhof befunden hat, auf dem auch die Gefallenen der Märzrevolution 1848 begraben lagen. Entscheidende Phasen der Revolution hatten auf dem Boden des heutigen fünfzehnten Bezirks stattgefunden. Die Schmelz beispielsweise „war einer jener Orte, an denen das Ende der bürgerlichen Revolution eingeläutet wurde, als die kaiserlichen Truppen unter Fürst Windischgrätz die im Schmelzer- und im unmittelbar angrenzenden Neulerchenfelder Friedhof verschanzten Mobilgarden sturmreif schossen und im darauf folgenden Gefecht Mann für Mann niedermetzelten“ (Maderthaner/Musner 1999, 147). Das Gelände ‚Auf der Schmelz‘ war in der Folge Truppenübungs- und Exerzierplatz der Wiener Garnison, aber „[a]n schönen Nachmittagen, wenn das Militär das Areal nicht mehr in Anspruch nahm, verwandelte sich die Schmelz, wie Max Winter in einem 1913 veröffentlichten Feuilleton schreibt, in das größte Kaffeehaus Wiens. Arbeitslose lagerten um Gruben, in deren Mitte mit Wachstüchern gedeckte Ziegelstöße Kartentische improvisierten, und spielten Tarock.“ (Maderthaner/Musner 1999, 148) Die Schmelz war außerdem „der bevorzugte Rendezvous-Ort für Jungverliebte, hier ließ man Drachen steigen und hier übte sich die zwölf- bis achtzehnjährige männliche Jugend mit größter Begeisterung in jenem neuartigen, aus England importierten Spiel, das im Begriff stand, sich zu einem Massenspektakel von einzigartiger Beliebtheit zu entwickeln und das, so Winter, die Wiener Jugend völlig erobert hatte: das Fußballspiel. […] Zur Behauptung ihres jeweils genau eingegrenzten und strikt definierten Territoriums organisierten sich die Straßenkinder aus den angrenzenden Gassen zu ‚Platten‘, deren häufige und heftige Auseinandersetzungen hin und wieder zu förmlichen Bandenkriegen gerieten. […] Nach Einbruch der Dunkelheit aber nahmen deren erwachsene Vorbilder von der unbeleuchteten Schmelz Besitz: die berüchtigten und gefürchteten, häufig aber auch bewunderten und zur Identifikation einladenden Pülcher, Strizzis und Plattenbrüder aus Fünfhaus, Sechshaus und Neulerchenfeld.“ (Maderthaner/Musner 1999, 149) Was Fußballspiel und Jugend betrifft, hat heute der Vogelweidpark die Schmelz abgelöst. Er schließt das Stadthallenareal im Norden ab.

Achleitners Architekturführer (1995), die Beiträge von Maderthaner/Musner (1999) und Nikitsch (2013), die Ausstellungen und Publikationen des Bezirksmuseum 15, Rudolfsheim-Fünfhaus, sowie Czeikes Historisches Lexikon Wien (1992-2004) informieren über das Weitere, z. B. über das ausgelassene Vorstadtleben in und um ‚Schwender’s Colosseum‘, „das beliebteste Balllokal der Kaiserstadt“ (Czeike u. a. 2015, o. S.).

2. Fragen und Anregungen für den Unterricht
  • Würdest du gerne mal in Rudolfsheim-Fünfhaus leben oder nicht und warum?
  • Schreibe selbst einen (informierenden, erzählenden, dramatischen etc.) Text über deinen Wohnbezirk!
  • Mache mit deiner Klasse einen Rundgang durch euren Bezirk und stelle den Bildern, die du im Kulturpool dazu findest, aktuelle gegenüber!
3. Literatur
  • Achleitner, Friedrich: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden. Band III/2, Wien: 13.-18. Bezirk. Salzburg und Wien: Residenz 1995.
  • Czeike, Felix: Historisches Lexikon Wien. 6 Bände. Wien: Kremayr u. Scheriau 1992-2004.
  • Lebhart, Gustav / Marik-Lebeck, Stephan / Klotz, Johannes: Kleinräumige Bevölkerungsprognose für Wien 2005 bis 2035. Hg. von der Magistratsabteilung 18 der Stadt Wien für Stadtentwicklung und Stadtplanung. Wien: o. V. 2007.
  • Maderthaner, Wolfgang / Musner, Lutz: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Frankfurt am Main/New York: Campus 1999.
  • Nikitsch, Herbert: Wie kommen die Nibelungen auf die Schmelz? Zur Strassenbenennung in einem Wiener Grätzel. In: Wiener Urbanitäten. Kulturwissenschaftliche Ansichten einer Stadt. Hg. von Brigitta Schmidt-Lauber, Klara Löffler, Ana Rogojanu und Jens Wietschorke. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2013 (= Ethnographie des Alltags. Band 1), S. 34-47.
  • n.n.: Immopreise. Unter http://derstandard.at/Immopreise, abgerufen am 23.10.2016. Wien: STANDARD Verlagsgesellschaft 2016.
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