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Interieur-Malerei

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Die Darstellungen von Innenräumen in Gemälden und Grafiken werden in der Kunstgeschichte als „Interieur“ bezeichnet. Seit dem 15. Jahrhundert beschäftigt sich die europäische Malerei mit der Darstellung der Innenansicht eines Raumes.

Hieronymus im Gehäus
Hieronymus im Gehäus

Ein Kupferstich von Albrecht Dürer zeigt eindrucksvoll die Darstellung "Hieronymus im Gehäus". Die 1514 datierte Grafik zeigt den Gelehrten in einer Stube an einem Tisch mit Schreibpult sitzend. Es kann vermutet werden, dass die Darstellung zeigt wie Hieronymus die "Vulgata", den lateinischen Bibeltext, verfasst.
Der Innenraum ist einerseits sehr realistisch und lebensnahe wiedergegeben, wird jedoch durch die Zugabe von symbolischen Attributen, wie dem Kardinalshut, einer Sanduhr, des Totenschädels und eines zahmen Löwen im Vordergrund, zum Umfeld des Heiligen. Der Tisch, an dem Hieronymus sitzt, ist ein für die Renaissance typischer Wangentisch, der sich durch das Fußgestellt auszeichnet. Das Gestell setzt sich aus zwei an der Schmalseite der Tischplatte angeordneten senkrechten Stützen zusammen, die bodenseitig durch einen parallel zur Tischplatte verlaufenden Steg miteinander verbunden sind.
Die unglaubliche Detailtreue und feine Ausarbeitung sind äußerst bemerkenswert. Das Bild ist voll von kleinen Gegenständen, die den Blick des Betrachters einfangen und typisch für die nordische Renaissance und für Dürer sind.


Im 17. Jahrhundert erreichte die Interieur-Malerei ihren Höhepunkt. Vor allem in Mittel- und Nordeuropa, besonders in den Niederlanden, war die Darstellungen von Innenräumen weit verbreitet und beliebter als südlich der Alpen, wo man das Innere der Häuser vor Fremden abzuschirmen bemüht war. Es entwickelte sich eine selbständige Bildgattung, besonders die niederländischen Maler machten das bürgerliche Interieur zum Gegenstand ihrer Kunst.
Zwei Vertreter der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, die sich mit der Darstellung von Innenansichten beschäftigten, sind Pieter de Hooch (1629-1684) und Jan Vermeer (1632-1675).

Beide Künstler lebten Anfang der 1650er bis Anfang der 1660er in Delft, waren dort Mitglieder der St. Lukas-Gilde und befassten sich in ihrem Oeuvre überwiegend mit Genremalerei. De Hooch wurde von Kunsthistorikern des 19. Jahrhunderts eine prägende Rolle für die Malerei Jan Vermeers zugewiesen, da de Hoochs Stil in der Genremalerei Vermeers ausgemacht und als verfeinert erkannt wurde. Mittlerweile wird jedoch das Gegenteil angenommen. Jedenfalls kann eine thematische sowie stilistische Ähnlichkeit der beiden Künstler nachgewiesen werden.
Die hier im Vergleich gezeigten Gemälde, sind in einem zeitlichen Abstand von drei Jahren entstanden und zeigen beide Szenen in Innenräumen holländischer Bürgerhäuser. Auffällig ist in beiden Werken der Umgang mit Licht und die realitätsgetreue Behandlung von Perspektive. Insbesondere geometrisch konstruierte Raumelemente, wie der Boden oder die Holzbalkendecke erzeugen anhand von perspektivischer Exaktheit Räumlichkeit.
Für die Genremalerei typisch werden die Figuren in alltäglichen Situationen dargestellt und auch die Gegenstände, die sie umgeben, sind im 17. Jahrhundert gebräuchlich.

Ebenfalls mit Interieur-Malerei beschäftigte sich der niederländische Maler Pieter Jansz Saenredam (1597-1665) dessen künstlerischer Schwerpunkt in der Architekturmalerei lag. Saenredam konzentrierte sich jedoch nicht auf den privaten Wohnraum, sondern widmete sich vor allem den Kircheninnenräumen der nördlichen Niederlanden.

Innenansicht des südlichen Seitenschiffes von St. Bavo in Haarlem
Innenansicht des südlichen Seitenschiffes von St. Bavo in Haarlem

Saenredam war einer der erste Maler, der sich auf die exakte und realitätsgetreue Wiedergabe von existierenden Gebäuden spezialisierte. Seine Leidenschaft gilt nicht der Darstellung von Menschen, sondern dessen technischen Leistungen. Wenn er Personen in seine Gemälde mit aufnimmt, dann nur um die räumliche Dominanz der Architektur zu unterstreichen. Seine Spezialisierung auf Kirchen hatte nur wenig mit der Beschäftigung mit Religion zu tun, sondern viel mehr mit der neu entdeckten Faszination an der Verwendung von Perspektive.


Im 18. und 19. Jahrhundert griffen auch französische, englische und deutsche Künstler das Thema Interieur auf. So beispielsweise Daniel Chodowiecki (1726-1801), der populärste deutsche Kupferstecher, Grafiker und Illustrator des 18. Jahrhunderts. Chodowiecki zeigt in folgender Radierung von 1771 das "Cabinet d´un peintre" und bietet dem Betrachter somit einen Einblick in die privaten Räume des Künstlers und seiner Familie.

Während die meisten Künstler Innenraum in Genredarstellungen behandelten stellten andere, wie beispielsweise der deutsche Maler Adolph Friedrich Erdmann von Menzel (1815-1905), historisierenden Darstellungen, aber auch den menschenleeren Raum ins Zentrum ihres künstlerischen Umgangs mit Interieur. Ebenfalls beispielhaft für "reine" Interieur-Darstellungen sind Rudolf von Alts "Interieur im Palais Harrach auf der Freyung in Wien" von 1844 und "Der Blaue Salon in der Wiener Hofburg" von 1873.

Im Impressionismus und Neoimpressionismus diente das Interieur als Ort der Geborgenheit. Sie lassen den Betrachter gleichsam in die private Intimsphäre eintreten.

Wie in der vorangegangenen Ausführung ersichtlich wurde, haben die Kunstwerke verschiedenste Arten von Innenräumen zum Inhalt. Sowohl private Wohnräume, Palais oder öffentliche Gebäude, wie Kirchen, Klöster, Museen oder Bibliotheken, aber auch das Innere eines Industriegebäudes können Thema eines Interieurs sein. Das Bild eines Innenraumes verbindet oftmals die Heiligenlegende mit einer profanen Werkstatt, das sichtlich Erfundene mit der peniblen Dokumentation oder ein Portrait mit einem Stillleben. Es kann mit ausgeklügelter Symbolik aus der Vielfalt der im Haus zur Verfügung stehenden Gegenstände Geschichten erzählen oder die Dinge als Mittel der künstlerischen Konstruktion als Farbe und Form ins Bild setzten.
Die Darstellungen sind somit einerseits, je nach Ausführung Zeitdokument, autonomes Kunstwerk oder ein Mittel zur Hintergrundgestaltung.

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