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Sonntag, 12. Februar 2017



Freitag, 30. Dezember 2016


Dienstag, 31. Januar 2017 um 13:55:10 von Kulturpool Redaktion

Digitalisiertes Mittelalter

Anlass
Integration des digitalisierten Mittelalterarchivs der Österreichischen Galerie Belvedere in den Kulturpool

Die mittelalterliche Kunst, die uns heute überliefert ist, ist eine christlich geprägte Kunst. So wie die Religion das Leben der Menschen bestimmte, so bestimmte sie auch das künstlerische Schaffen. Sie entsteht überwiegend im Zusammenhang mit liturgischen Gegenständen, Büchern und Kirchenausstattungen. Auftraggeber für Werke der Bildhauerei und der Malerei war vornehmlich die Kirche. Im Mittelpunkt der „Kunst“ (die vor allem als Handwerk verstanden wurde) stand in erster Linie die Verherrlichung der christlichen Heilsgeschichte und das Bedürfnis Gott zu ehren.

Heimsuchung Mariens, Verkündigung an Joachim und Zurückweisung des Opfers Joachims und Annas (v.l.n.r.): Details des spätgotischen Flügelaltars aus dem Stift Neukloster, Wiener Neustadt, Meister des Albrechtsaltars (tätig um 1430-1440 in Wien)

Die Ansicht, dass das Individuum in Anbetracht der Größe Gottes unwichtig und der Künstler nur ein Handwerker Gottes sei, hatte u.a. auch zur Folge, dass Gemälde bis ins Spätmittelalter nur selten signiert wurden und uns die Namen der jeweiligen Künstler daher oft nicht oder nur mit zugeschriebenen „Notnamen“ (z.B. Wiener Albrechtsmeister oder Wiener Schottenmeister) bekannt sind. Der Gedanke, dass jeder Künstler in der Kunst seine eigene Persönlichkeit ausdrückt, lag dem mittelalterlichen Denken fern. Erst im Spätmittelalter, im Übergang zur Renaissance, melden sich mehr und mehr Künstler selbstbewusst und mit ihrem eigenen Namen zu Wort. Eine Emanzipation, die parallel mit einer neuen Bildsprache einherging.

Madonna vom Sonntagberg (Michaelermeister, um 1360), vermutlich aus der Wallfahrtskirche Sonntagberg in Niederösterreich (links) und Hl. Maximilian (Andreas Lackner, 1518), Schreinfigur des Hochaltars von St. Blasien in Abtenau / Salzburg (rechts)

Ausgehend von Italien begannen immer mehr Künstler das auf strikte Flächigkeit angelegte, strenge Formenvokabular der christlichen Ikonenmalerei zu sprengen. Bald fanden sich auch jenseits der Alpen Künstler, die - wie etwa Jan van Eyck (1399-1464) - realistische Tendenzen in religiöse Szenen einführten. Anschaulich lässt sich diese Entwicklung auch anhand der Mittelaltersammlung der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien verfolgen, die nun nicht nur über die Webseite Digitales Belvedere, sondern auch über den Kulturpool zugänglich ist. Sie umfasst rund 220 Werke von der Romanik bis zur frühen Neuzeit. Ihr Schwerpunkt liegt auf Skulpturen und Tafelbildern des 14. bis frühen 16. Jahrhunderts, die einen repräsentativen Überblick zur Vielfalt der gotischen Bildkünste in Österreich geben.

Vier Tafeln eines Flügelretabels (ehem. Hochaltar der Stiftskirche St. Peter oder des Doms in Salzburg) von Rueland Frueauf d.Ä. (1490) - Verkündigung an Maria, Anbetung der Heiligen Drei Könige, Christus am Ölberg und Geißelung Christi (im Uhrzeigersinn von links oben)

Zu den bedeutenden frühen Skulpturen zählen etwa die ausdrucksstarke Sonntagberger Madonna oder die Figurengruppe des Meisters von Großlobming aus der Zeit des Schönen Stils um 1400. Den grundlegenden Wandel zum frühen Realismus dokumentieren auf eindrucksvolle Weise der Wiener Albrechtsmeister und der Znaimer Altar, dessen Passionsreliefs noch die originale, detailreiche Fassmalerei aufweisen. Hauptwerke der nachfolgenden Generationen stammen von Conrad Laib, dem Wiener Schottenmeister, Rueland Frueauf dem Älteren und dem Jüngeren, Michael Pacher, Marx Reichlich, Hans Klocker, Urban Görtschacher und von zahlreichen weiteren, oft nicht namentlich bekannten Meistern der verschiedensten Regionen. Im Werk von Andreas Lackner kündigt sich bereits das neue Menschenbild der Renaissance an.

Bildnis eines jungen Mannes (ev. Jobst Seyfried) von Rueland Frueauf d. Ä. (um 1495) - Eines der wenigen nicht christliche Motive darstellenden Bilder der Mittelaltersammlung des Belvedere Museums Wien

Zwar sind auch die Mehrzahl der Gemälde der Renaissancekunst Altarbilder und Fresken religiösen Inhalts, die für Kirchen gemalt wurden, doch wurde die religiöse Gestalt mehr und mehr „vermenschlicht“, indem sie in einer irdischen Umgebung dargestellt wurde. So erscheinen die Personen auf vielfigurigen Bildern oft in der Alltagskleidung des Renaissancezeitalters. Außerdem entstanden Bilder mit weltlichen oder heidnisch-mythologischen Themen (z. B. Allegorien, antike Götter- und Heldensagen, antike Geschichte) und immer mehr individuelle Bildnisse zeitgenössischer Persönlichkeiten. Dabei wurde auch immer mehr Wert auf die Anatomie des Menschen gelegt, auf die Erforschung der Muskelzüge, Bewegungen und Körperproportion. Das Bedürfnis Gott zu ehren war zwar nach wie vor ein Anliegen der (kirchlichen) Auftraggeber, die Maler aber emanzipierten sich Schritt für Schritt davon und stellten mehr und mehr den Menschen ins Zentrum ihres nun zur „Kunst“ werdenden Handwerks.

Der „Genter Altar“ in der St.-Bavo-Kathedrale wurde von Jan van Eyck geschaffen und 1432 oder 1435 in der Kathedrale – der damaligen Pfarrkirche Sint-Jans – aufgestellt. Nach einer wechselvollen und abenteuerlichen Geschichte, die vom niederländischen Bildersturm im Zuge der Reformation über die Revolutionskriege Napoleons bis zum Zweiten Weltkrieg reichte, in der der Altar an unzählige Ort verschleppt wurde, ist er nun wieder nahezu komplett in Gent bzw. digital in Europas größter Online-Sammlung von Kunst, Kultur und Wissenschaft (europeana.eu) zu sehen. (http://www.europeana.eu/portal/de/record/2063627/BEL_280_016.html?q=Jan+van+Eyck)