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Dienstag, 31. Januar 2017



Montag, 24. Oktober 2016


Freitag, 30. Dezember 2016 um 12:20:50 von Kulturpool Redaktion

Abgott Canaletto

Anlass
Isay Weinfelds Projekt für das Heumarkt-Areal und der Streit ums Wiener Weltkulturerbe

In der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums hängt das Götzenbild der zeitgenössischen Stadtbildschützer: Bernardo Ballottos (gen. Canaletto) berühmte, vom Belvedere aus gesehene Ansicht Wiens, gemalt vor über einem Viertel Jahrtausend. Ungeachtet der Veränderung und des Wachstums der Stadt hat sich der sogenannte „Canaletto-Blick“ klammheimlich in eine offenbar unumstößliche städtebauliche Vorschrift gewandelt. Er hat intakt zu bleiben. An ihm darf sich nichts ändern (auch wenn die Proportionen der dargestellten Gebäude nie ganz der Realität entsprochen haben).

Bernardo Bellotto, gen. Canaletto (1722-1780): Der Blick vom Oberen Belvedere aus, dem auf einer Anhöhe südlich der Innenstadt gelegenen Sommerschloss des Prinzen Eugen von Savoyen, trifft im Mittelgrund auf eine Reihe großer Barockbauten: links freistehend mit ihrer monumentalen Kuppel die Karlskirche, dann das in seinen Proportionen stark überhöhte Palais Schwarzenberg, anschließend die Orangerie und das Untere Belvedere, schließlich rechts das Salesianerinnenkloster. Dahinter sieht man die von den Stadtbefestigungen umgebene Innenstadt (Kunsthistorisches Museum, Wien)

Der venezianische Maler wurde so unfreiwillig zum steinernen Gast fast jeder Wiener Architekturdiskussion, denn sein „Blick“ fängt einen großen Teil der historisch gewachsenen Stadt ein. Canaletto wird in den Zeugenstand gerufen, wenn wieder einmal ein neues Haus gebaut werden soll, das aufgrund seiner Größe oder seiner zeitgenössischen Formensprache den verklärten Blick auf die Stadt beeinträchtigen könnte. So auch beim Projekt „Heumarkt Neu“, das seit Monaten die stadtbildschützerischen Gemüter erhitzt.

Stein des Anstoßes ist ein vom renommierten brasilianischen Architekten Isay Weinfeld geplantes Hochhaus, Teil einer von der WertInvest-Gruppe initiierten Neugestaltung des Eislaufverein-Areals zwischen dem Hotel Intercontinental und dem Wiener Konzerthaus, das als Siegerprojekt eines internationalen Wettbewerbs hervorgegangen ist. Denkmal- und sogenannte Stadtbildschützer laufen seit Jahren Sturm gegen das erstmals 2012 vorgestellte Bauvorhaben, obwohl mit seiner Realisierung kein Denkmal (oder - mit dem Hotel Intercontinental -allenfalls ein Denkmal der Moderne) auf dem Spiel steht. Auf dem Spiel steht nur der Canaletto-Blick bzw. das vom Barock geprägte und von Bernardo Ballotto festgehaltene Stadtbild, das als ästhetisches Gebot gegen alle städtebauliche Vernunft konserviert werden soll.

Heumarkt-Areal mit Hotel Intercontinental, Wiener Einslaufverein und Konzerthaus heute (oben) und morgen (unten)

Dass das vielschichtige Bau- und Gestaltungsvorhaben in weiten Bereichen auch öffentliche Interessen umsetzt, dass der Plan vorsieht, auf dem Privatgrundstück einen großen, allgemein zugänglichen und weitgehend konsumfreien Platz zu gestalten und den bislang außerhalb der Wintersaison nicht zugänglichen Eislaufplatz ganzjährig zu öffnen, dass der Investor auch die Kosten für die Neugestaltung der angrenzenden Straße übernimmt (Verlegung der Fahrspuren, um den Platz noch weiter zu öffnen) und damit das gesamte Areal mit dem Konzerthaus aufgewertet wird, all das scheint den Gegnern des Projekts, die die UNESCO mit ihren Weltkulturerberichtlinien nun als städtebauliches und architektonisches Scharia-Gericht anrufen, sekundär.

Es geht um „den Blick“, um das von Canaletto „aufgenommene“ Bild, in den sich kein neues Zeichen einschreiben soll. Und damit natürlich auch um eine Verneinung der Moderne, die bloß als Störung, nicht als Bereicherung empfunden wird. Dass ausgerechnet das vom Barock geprägte Stadtbild vor jeder Veränderung geschützt werden soll, entbehrt architekturhistorisch nicht einer gewissen Ironie. Die Bauherrn (Investoren) und Architekten jener Epoche hatten sich - auf gut Wienerische gesagt - einen Dreck um das Stadtbild geschert. Sie hatten selbstbewusst so gebaut, wie sie es für richtig und angemessen hielten und so radikal das (mittelalterliche) Stadt- und Landschaftsbild verändert, wie - vom gründerzeitlichen Historismus abgesehen - kaum eine andere Epoche davor oder danach. Sie wären nie auf die Idee gekommen, dass Altes a priori mehr Qualität habe als Neues. Und schon gar nicht hatten sie sich darüber Sorgen gemacht, dass ihre neuen Kirchen einen „Stilbruch“ bedeuten oder dass sie mit ihren Palais ja doch nur „Luxusappartements“ errichten (wie die Totschlagargumente gegen zeitgenössische Architektur und innovative städtebauliche Projekte heute häufig lauten). Sie hatten selbstbewusst ihre Weltsicht und ihren „Zeitgeist“ baulich umgesetzt.

Das „Stadtbild“ war immer und wird auch in Zukunft weiter in doppelter Weise Veränderungen unterworfen sein: durch Substanzveränderung und durch die Veränderung von Wahrnehmung und Bewertung: Wiener Heumarkt und Eislaufverein am Heumarkt anno 1780 (Kolorierte Radierung von Johann Ziegler, Albertina) und anno 1961 (Fotografie, Österreichische Nationalbibliothek) 

Was mit der Verklärung des „Canaletto-Blicks“ nonchalant verdrängt wird, ist, dass es sich bei den auf dem Bild festgehaltenen architektonischen Juwelen auch darum handelt: um Herrschaftsarchitektur (Belvedere, Palais Schwarzenberg) und eine triumphale Inszenierung der Gegenreformation (Karlskirche). Diesen „Blick“ heute durch ein zeitgenössisches architektonisches Zeichen zu ergänzen, das die Sprache der Moderne spricht (also der Aufklärung und Säkularisierung), das allein schon sollte ein Grund sein, ein solches Bauprojekt zu befürworten. Gerade weil es das „Stadtbild“ verändert, weil die Formensprache von Weinfelds Projekt eine andere „Botschaft“ enthält - und sei es nur die, dass das „Ende der Geschichte“ noch nicht angebrochen ist, dass auch die republikanische Gesellschaft ihre Weltsicht baulich zum Ausdruck bringt und selbstbewusst Spuren im „Stadtbild“ hinterlässt. Spuren, die die Scheinharmonien stören und jene Widersprüchlichkeit sichtbar machen, die das Lebenselixier der Stadt ist.

Denn das „Stadtbild“ war immer und wird auch in Zukunft weiter in doppelter Weise Veränderungen unterworfen sein: durch Substanzveränderung und durch die Veränderung von Wahrnehmung und Bewertung. Vor dem Einfrieren dieser Entwicklung auf ein postkartentaugliches Klischee hat Österreich renommierter Architekturchronist Friedrich Achleitner schon vor vielen Jahren gewarnt: „Du sollst Dir kein Ortsbild machen.“ Denn der Begriff des Orts- bzw. Stadtbilds „ist ein vom Leben einer Stadt, von ihrer tatsächlichen Struktur, von den Schichten der Lesbarkeit ihrer Geschichte (ihrer politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, geistigen Vergangenheit und Gegenwart) abgekoppeltes und nicht deklariertes ästhetisches System …, das seine Kriterien (falls es überhaupt zu solchen kommt) aus der verklärten Anschauung einer Oberfläche bezieht, die jedenfalls unter ganz anderen Bedingungen entstanden ist.“ (zit.nach Gerhard Fritz, http://www.oeko-net.de/kommune/kommune1-99/kolfrit1.htm, abgerufen am 30.12.2016) Das einmal - zum Beispiel von Canaletto - „aufgenommene“ Stadtbild als ästhetisches Gebot zu konservieren, heißt, „für das Neue genau jenen Lebensnerv durchzuschneiden, der das Alte zu der bewunderten Vielfalt geführt hat.“ Zu jener Vielfalt, die genau das auszeichnet, was von der UNESCO als Wiener Wertkulturerbe gewürdigt wurde.

"Canaletto-Blick" mit durchgestrichenem Heumarkt-Hochhaus (Foto: Martin Kupf; Österreichische Gesellschaft für Denkmal- und Ortsbildpflege)

Dass diese Vielfalt nicht von jeder Epoche durch neue Bauten ergänzt werden dürfe, davon steht in den Kriterien für das Weltkulturerbe, wie sie anno 1972 an der 17.Generalversammlung in Paris beschlossen wurden, auf die sich die „Stadtbildschützer“ heute stützen, freilich nichts. Nirgends steht dort geschrieben, dass das zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgenommenen Stadtbild auf immer und ewig konserviert werden müsse. Und auch das Wort Hochhaus (das nun mal, schon aus technologischen Gründen, ein signifikantes Zeichen des modernen Städtebaus ist und an dem sich der Streit in erster Linie entzündet) kommt darin nicht vor.

Wenn die UNESCO-Kriterien das zu schützende Kulturerbe als jene Güter beschreiben, die „ein hervorragendes Beispiel eines Typus von … architektonischen Ensembles … (darstellen), die einen oder mehrere (sic!) bedeutende Abschnitte der Geschichte der Menschheit versinnbildlichen“, dann kann damit nicht zwangsläufig gemeint sein, dass die „bedeutenden Abschnitte der Geschichte der Menschheit“ im 19.Jahrhundert endgültig zu Ende gegangen sind. Im Gegenteil: Wir dürfen heute zurecht stolz sein, in der längsten friedlichen, ökonomisch prosperierenden und demokratisch-republikanisch geprägten Epoche Europas zu leben. Ergo in einem in der Geschichte der Menschheit ausgesprochen bedeutenden Abschnitt, der auch architektonisch und städtebaulich mindestens so selbstbewusst zum Ausdruck gebracht werden sollte, wie es für die Bauherren nicht nur im absolutistischen Barock, sondern in fast jeder vorangegangenen Epoche selbstverständlich war.

Gerade das Projekt Heumarkt-Neu ist nicht nur im Hinblick auf seine Formensprache (die ohne modische Schnörkel der klassischen Grammatik der Moderne folgt), sondern auch im Hinblick auf den Modus der Entwicklung ein gutes Beispiel für ein die gegenwärtige Epoche repräsentierendes Architekturprojekt. Um den vielfältigen Wünschen und Erwartungen an eine Neugestaltung des Areals gerecht zu werden, wurden mit einem kooperativen städtebaulichen ExpertInnenverfahren neue Formen der Entscheidungsfindung gewählt. Kaum ein anderes (von privaten Investoren geplantes) städtebauliches Projekt in Wien wurde so offen entwickelt, mit Hearings, drei Ausstellungen und der intensiven Einbindung der unmittelbar Betroffenen (Eislaufverein, Konzerthaus). Dass Investoren in einer Marktwirtschaft mit Immobilien natürlich auch Geld verdienen dürfen, sollte freilich genauso außer Streit stehen wie die Usance, dass am Ende eines solchen Verfahrens auch in einer Demokratie nicht zwangsläufig eine „Volksabstimmung“ über architektonische Geschmacksfragen stehen muss.

Links:http://www.dasbesondereprojekt.at/http://www.initiative-denkmalschutz.at/

Autor: Wolfgang Reiter

(Anm. der Redaktion: Der Essay „Abgott Canaletto“ ist ein kritischer Kommentar zur aktuellen Diskussion über das Wiener Weltkulturerbe und spiegelt ausschließlich die Ansichten des Autors zu diesem Thema wider)