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Donnerstag, 22. September 2016



Sonntag, 19. Juni 2016


Donnerstag, 30. Juni 2016 um 08:47:14 von Kulturpool Redaktion

Eine kurze Geschichte der Kartographie

Anlass
Georg Matthäus Vischers Niederösterreichkarte – Ein Prunkstück der NÖ Landesbibliothek

Die Beschäftigung mit alten Landkarten mag im Zeitalter der Satellitenaufnahme für manchen als Anachronismus erscheinen. Alte Karten und damit die Beschäftigung mit der Geschichte der Kartographie stellen jedoch einen wichtigen und interessanten Forschungsbehelf zu kulturwissenschaftlichen Fragestellungen dar.

Vischer, Georg Matthäus:
 Archiducatus Austriae inferioris geographica et noviter emendata accuratissima descriptio.
 Wien, 1697, 
Kupferstich im Maßstab von ca. 1:144.000 (
Stecher: Jakob Hoffmann und Jakob Hermundt
), Gesamtgröße der Karte ca. 180 x 150 cm (20 Blatt à 44 x 30 cm)
 Signatur NÖLB AV 227/1697 (Nach der von Melchior Küsell gestochenne Erstausgabe aus dem Jahr 1670)

Denn auch wenn das Bestreben der alten und der modernen Kartopgraphie ähnlich ist, nämlich einen geographisch-politischen Bereich möglichst exakt darzustellen, so sind die alten Landkarten dennoch vor allem vom Vorstellungsvermögen und von den Kenntnissen des ausführenden Künstlers geprägt, die jeweils auch stark von politischen, ideologischen und religiösen Bedingungen beeinflusst sind.

Die ältesten „Karten“ stammen, wie eine Wandmalerei in Zentralanatolien zeigt, auf der eine Siedlung um 6200 v. Chr. mit ihren Häusern und dem Doppelgipfel des Vulkans Hasan Dağı zu sehen ist, bereits aus dem Neolithikum. Bedeutende frühe Zeugnisse stammen aus der babylonischen Zeit. Den ersten ernsthaften Versuch, eine brauchbare Karte unter mathematischer und geometrischer Kenntnis anzufertigen, unternahm Anaximander, ein Schüler von Thales, um 541 v. Chr.

Die Kartographen Gerhard Mercator und Wolfgang Lazius (oben); Mercators Österreichkarte aus dem Jahr 1585 (links unten) und Lazius' Niederösterreichkarte - Druck aus dem Jahr 1570 (rechts unten).

Als für die weiteren Epochen prägend sollte das Weltbild des Griechen Ptolemäus (um 100 n. Chr.) werden. In den ältesten Manuskripten seiner Kosmographie finden sich Handzeichnungen von Karten. Das Werk war jedoch im Kern ein Verzeichnis astronomischer Positionen. Obwohl noch stark fehlerhaft, erfuhren Ptolemäus’ Werke noch 1000 Jahre später durch den einsetzenden Buchdruck um 1450 eine erhebliche Verbreitung. Das lag auch daran, dass die griechisch-römische Wissenschaftstradition im Mittelalter Jahrhunderte lang unterbrochen wurde. Zwar wurden weiter Karten angefertigt, doch fußten sie auf der kirchlichen Erdscheibenlehre. Für das Christentum des Frühmittelalters war geographisches Wissen nur insofern wichtig, als es das Wissen um die Örtlichkeiten des Heilsgeschehens umfasste. Der zu den Kirchenvätern gezählte christliche Philosoph Lucius Caecilius Firmianus Lactantius (um 250 - 320) vertrat sogar die Ansicht, dass geographische Unwissenheit verdienstvoll und gottgefällig sei.

Erdkarte von Peter Apian, 1520 (links) und Erdglobus von Gerhard Mercator (rechts).

In der byzantinischen Welt jedoch hatte sich die Lehre von der Kugelgestalt der Erde erhalten. Und so übernahmen die Araber auch die ptolemäischen Traditionen. Sichtbarer Ausdruck ist das Werk des wohl berühmtesten arabischen Kartographen Abu Abdallah Muhammad al-Idrisi (1099-1160), der auf der Grundlage neuerer Beobachtungen, Messungen und Entdeckungen das im 8. Jahrhundert ins Arabische übersetzte Werk des Ptolemäus korrigierte und am Hofe des normannischen Königs Roger II in Palermo eine Weltkarte (Charta Rogeriana) schuf, die man in Mitteleuropa nicht gekannt haben dürfte.

Deutliche Fortschritte machte die Kartographie - nicht zuletzt durch die Seefahrer und Entdecker - ab dem 16. und 17. Jahrhundert. Allmählich vollzieht sich die Emanzipation von Ptolemäus und vom christlich-dogmatischen Weltbild: fabelhafte und hypothetische Ausfüllung werden mit den Ergebnissen neuer Entdeckungen im Bereich des asiatischen und amerikanischen Kontinents ersetzt: Auf einer vom deutschen Kartographen Martin Waldseemüller (1472-1520) im Jahre 1507 angefertigten Karte ist erstmals der Name America für den neuen Kontinent angegeben. Außerdem werden vier Teile von „Indien“ benannt.

Detailansichten von Georg Matthäus Vischers Niederösterreichkarte (Archiducatus Austriae inferioris geographica et noviter emendata accuratissima descriptio. Wien, 1697). - Blatt 14 (rechts unten) zeigt Vischer mit seinem Gehilfen bei Vermessungsarbeiten - die Pistolen in den Satteltaschen der Pferde unterstreichen die Gefährlichkeit der Geländearbeiten. 

Gemeinsam mit der massiven Verbreitung der Technik des Buchdrucks führten die Entdeckungen von Columbus und Co bald zu einem regelrechten Boom der Atlantenkartographie, die zunächst von den flämischen Kartographen Gerhard Mercator (1512-1594) und Abraham Ortelius (1527-1598) beherrscht wurde.

Diese Entwicklungen beflügelten auch die kartographische Produktion in Mittel- und Osteuropa. Das kartographische Erscheingungsbild des frühneuzeitlichen Österreichs wurde vor allem von Wolfgang Lazius (1514-1565) geprägt. Er legte mit der "Typi chorographici provinciarum Austriae" eine historisch-geographische Beschreibung der österreichischen und süddeutschen Länder mit elf Regionalkarten vor. Daneben schuf Lazius auch mehrere Versionen einer Niederösterreichkarte, die bis zu Georg Matthäus Vischer (1628-1696) Gültigkeit behalten sollte.

Zwei der rund 1200 nach der Natur gezeichneten Ortsansichten Georg Matthäus Vischers, die im Zuge seiner kartographischen Arbeiten entstanden sind: Trautmannsdorf an der Leitha (links) und Laxenburg (rechts).

Vischer schuf für Ober- und Niederösterreich sowie für die Steiermark die ersten Karten, die die Inhalte der Lazius-Tradition verbesserten, da sie auf eigenen, neuen Landvermessungen basierten. Wenn er auch keineswegs das gesamte Land neu vermessen hat, so ist anzunehmen, dass er zumindest einzelne zentrale Landschaften genau vermessen und den Rest des Landes durch Beobachtungen mit Hilfe von Kompass und Entfernungsmessungen skizziert hat. Seine rund 1200 nach der Natur gezeichneten Ortsansichten in den drei Landestopographien sind Beweis dafür, dass er tasächlich alle wichtigen Orte eines Landes besucht hatte.

Vischers Ansichten niederösterreichischer Orte sind heute überwiegend Teil der Topographischen Sammlung der NÖ Landesbibliothek, die mittlerweile digitalisiert und katalogisiert und damit online abrufbar sind. Die einer bildlichen Dokumentation niederösterreichischer Ortschaften, Bauten und Kunstwerke dienliche Sammlung stellt einen wichtigen Forschungsbehelf zu landeskundlichen - und neuerdings vermehrt auch kulturwissenschaftlichen - Fragestellungen dar. Zu den Prunkstücken der Sammlung zählt die Niederösterreichkarte von Georg Matthäus Vischer, ein Kupferstich im Maßstab von ca. 1:144.000, in der 1697 von Jakob Hoffmann und Jakob Hermundt gestochenen Ausgabe, die auf der 1670 von Melchior Küsell gestochenen basiert.