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Donnerstag, 30. Juni 2016



Freitag, 20. Mai 2016


Sonntag, 19. Juni 2016 um 23:07:50 von Kulturpool Redaktion

Arbeitslose Roboter

Anlass
Der „Maschinensteuer“-Streit in der Österreichischen Bundesregierung

„Ein Roboter“, so lautet die knappe, nüchterne Definition auf Wikipedia, „ist eine technische Apparatur, die üblicherweise dazu dient, dem Menschen mechanische Arbeit abzunehmen.“ Unüberlicherweise, könnte man ergänzen, wird sie den Menschen in Zukunft noch mehr Arbeit abnehmen, als bloß die mechanische. Das macht nicht nur intelligenten Robophobikern wie Stephen Hawkins und Elon Musk (Tesla) Sorgen, die jüngst in einem offenen Brief davor gewarnt haben, dass die Menschheit die Kontrolle über die von ihr entwickelte künstliche Intelligenz verlieren könnte.

"Robots", computergenerierter Animationsfilm von Chris Wedge (Ars Electronica Centre Linz): "Wir haben den Robotern einen physischen 'Charakter' gegeben, indem wir Details wie Rost, Lackabsplitterungen und Ölflecken eingebaut haben - all die kritischen Kleinigkeiten halt, die die Oberflächen von Robotern und einer mechanischen Welt ausmachen." (Michael Eringis, Materials Supervisor für "Robots").

Auch Sozialpolitiker blicken zunehmend ratlos auf das wachsende Phänomen technologiebedingter Arbeitslosigkeit. Denn wenn Roboter uns mehr und mehr Arbeit abnehmen, droht unser auf lohnbezogenen Abgaben basierendes Sozialsystem früher oder später zu kollabieren. Die politisch gerade wieder heftig diskutierten Alternativen heißen „Wertschöpfungsabgabe“ und „Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)“; Alternativen, die einem grundlegenden Paradigmenwechsel unserer (kapitalistischen) Arbeitskultur gleichkommen, die nach Foucault stets auch eine Disziplinierungskultur ist.

Der aktuelle Vorstoß von Österreichs Neo-Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) für eine "Wertschöpfungsabgabe" signalisiert zwar noch keinen radikalen Bruch mit unserer Arbeitskultur, löst beim konservativen Koalitionspartner ÖVP aber dennoch einen ebenso tiefen Unmut aus, wie die nicht mehr enden wollenden Diskussionen um das BGE. Weil, so die natürlich nicht so offenkundig artikulierten Befürchtungen, die Menschen dann vielleicht nur mehr solche Tätigkeiten gegen Lohn verrichten würden, die sie gerne machen oder die besonders gut bezahlt werden: Für die einen ein veritables Horrorszenario, für die anderen der nächste Schritt zur endgültigen Befreiung der Menschen aus Frondiensten.

Maschinenmensch Sabor: Der per Fernsteuerung bewegte "Roboter" des Schweizer Ingenieurs Peter Steurer bei einer Vorführung in Linz im Jahre 1952 (links) und Roboter-Kubismus: Selbstporträt des tschechischen Künstlers Josef Čapek (1920), auf den auch der Begriff "Roboter" zurückgeht (rechts).

Und damit schließt sich begriffsgeschichtlich der Kreis. Denn dem Wort Roboter liegt das tschechische Wort „robota“ zugrunde. Was auf Deutsch nichts anderes heißt als Frondienst oder Zwangsarbeit. Der Begriff weist also darauf hin, dass die „technische Apparatur“ dem Menschen nicht bloß die mechanische Arbeit abnimmt, sondern ihn auch von der sozial disziplinierenden Zwangsarbeit befreit.

Erstmals in die Literatur eingeführt wurde der Begriff „Roboter“ von den tschechischen Schriftsteller- und Künstler-Geschwistern Josef und Karel Čapek (1887-1945 bzw. 1890-1938). Und zwar in Karels Theaterstück „R.U.R. (Rossums Universal-Robots)“, das von einem Unternehmen handelt, das künstliche Menschen (nach heutigem Sprachgebrauch also Androiden) herstellt. Diese „Robots“ werden als billige und rechtlose Arbeiter verwendet. Ihr massiver Einsatz in der Industrie verändert mit der Zeit die gesamte Weltwirtschaft, bis im weiteren Verlauf des Theaterstücks die Kunstmenschen rebellieren und die Menschheit vernichten. Eine dystopische Vision, die bei den Čapeks nicht nur angesichts des Aufstiegs des Faschismus und im Zuge ihrer Verfolgung durch die Gestapo reifte (Josef Čapek starb 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen), sondern auch vor dem Hintergrund der industriellen Massenproduktion und angesichts der in Entwicklung befindlichen Massenvernichtungswaffen, die bald danach auch tatsächlich zum Einsatz kommen sollten.

Maschinenmensch Sabor von innen (links) und rechts: Als auch Roboter noch rauchen durften (1952)

Humanoide Roboter gehören seit den Arbeiten von Josef und Karel Čapek zum fixen Figurenpersonal der Science Fiction Literatur. Wenig später - erstmals in der Kurzgeschichte „Robbie“ (1940) - beschäftigte sich auch Isaac Asimov (1920-1992), der mit seinen Robotergeschichten Science-Fiction-Geschichte schrieb und Ende der 1970er-Jahre als wissenschaftlicher Berater bei der Entstehung des ersten „Star Trek“-Films (Kinostart 1980) mitwirkte, intensiv mit Maschinen mit künstlichen Gehirnen; lange bevor die wichtigsten technischen Probleme humanoider Roboter auch in der Praxis einigermaßen überzeugend gelöst werden konnten. Nämlich erst zu Beginn des 21.Jahrhunderts mit Hondas „Asimo“ (2000), mit „Replicee Q1“, einem von japanischen Wissenschaftlern entwickelten Androiden mit Aussehen einer circa 35-jährigen Frau (2003) und mit „Kotaro“, einem an der Universität Tokio entwickelten humanoider Roboter (2005).

Die Angst vor der „Rebellion“ der Maschinen, die in Čapeks Theaterstück erstmals thematisiert wurde, treibt auch heute wieder Wissenschafter an, Möglichkeiten zu finden, außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz zu stoppen. In einem beim Machine Intelligence Research Institute in Berkeley (Kalifornien) veröffentlichten Papier mit dem Titel „Safely Interruptible Agents" werden Wege aufgezeigt, wie etwa Roboter, die Menschen gefährden, außer Betrieb gesetzt werden können. Ein Problem, dass sich den Forschern dabei stellt, ist, dass die selbstlernenden Maschinen sich auch Fähigkeiten aneignen könnten, mit denen ein solcher „Kill Switch“ für Roboter umgangen werden könnte. In dem Papier ist in diesem Zusammenhang von einem „unerwünschten Ergebnis“ die Rede, dem die Forscher mit der Manipulation der Belohnungssysteme der künstlichen Intelligenz beikommen wollen.

Kotaro (jap. 小太郎, dt. etwa: „kleiner Junge“) wurde bei der Expo 2005 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Er steht für die nächste Generation humanoider Roboter und verfügt bereits über Wirbelsäule, Schulterblätter, Schlüsselbeine und Kugelgelenke. Er wird von künstlichen Muskeln bewegt, die aus chemischen Drähten und elektromagnetischen Motoren bestehen. In seinem Körper befinden sich mehr als hundert Motoren (c Yoshinao Sodeyama, Naoya Muramatsu, Tomoaki Yoshikai, Ikuo Mizuuchi, Masayuki Inaba).

Unklar sei, ob solche Mechanismen auf alle Algorithmen künstlicher Intelligenz angewandt werden könnten, schreiben die Deep Mind-Forscher von Google, die unter anderem für die Entwicklung der künstlichen Intelligenz „Alpha Go“ verantwortlich zeichnen, die sich bei dem bekannten strategischen Brettspiel gegen mehrere Spitzenspieler durchsetzte. Wie sich das Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine künftig gestalten wird, bleibt vorerst also offen. Gut möglich, dass auch eine Prognose des Apple-Gründers Steve Wozniak Wirklichkeit wird. Er geht davon aus, dass sich Roboter künftig Menschen als „Haustiere“ halten.

Ehe es soweit kommen könnte, stellen sich freilich auch noch viele andere Fragen. Mit einer, in einer Welt, in der sich Menschen über ihre Arbeit definieren, nicht unwesentlichen, beschäftigt sich zum Beispiel der irische Philosoph und Jurist John Danaher in seiner Publikation „Will Life Be Worth Living in a World Without Work?“ Wenn Maschinen alle Jobs übernehmen, müssen Menschen eben einen anderen, neuen Sinn im Leben finden. Und dazu, meint Danaher, der die Annahme infrage stellt, dass (Erwerbs-)Arbeit positive Auswirkungen auf die Menschen habe, seien wir - allem konservativen Kassandra-Geschrei zum Trotz - durchaus im Stande. Kunst und zwischenmenschliche Kommunikation etwa wären für Danaher solche Sinnstiftungsstichworte.

Hondas „Asimo“ (2000, links) und „Replicee Q1“, ein von japanischen Wissenschaftlern entwickelter Android mit Aussehen einer circa 35-jährigen Frau (2003, rechts)

Dass auch dabei Androiden eine nicht unwesentliche Rolle spielen können, haben vor einigen Jahren schon Computerkünstler wie Norman T.White, Fred Adels und Chris Wedge mit ihren Arbeiten gezeigt. Letzterer zum Beispiel mit seinem abendfüllenden Animationsfilm „Robots“, dessen künstlich intelligenter Protagonist namens Rodney sich seinen Lebenstraum als großer Erfinder verwirklichen will und den Wedge als Jedermann, präziser als Jedrobot, zeichnet, mit dem sich jeder (Mensch) identifizieren kann.

Norman T.Whites „Helpless Robot“ dagegen ist eine interaktive Skulptur in Form eines Roboters, die an einem öffentlichen Raum aufgestellt wird. Der Roboter interagiert mit den Passanten, indem er um Hilfe ersucht. Je nach Handlung der Passanten antwortet der Roboter mit weiterer Konversation und Bewegung. Noch weiter geht Dirk, der „Homeless Robot“ des auf kinetische Kunst spezialisierten niederländischen Künstlers und Erfinders Fred Adels: Dirk ist ein wie ein Vagabund aussehender, einen Einkaufswagen vor sich herschiebender lebensgroßer humanoider Automat. Seine Beine werden von einem (teilweise sichtbaren) im Einkaufswagen untergebrachten Mechanismus bewegt. Sie bewegen sich natürlich und kraftvoll genug, um den Roboter wie einen Menschen gehen (und auch noch den Wagen schieben) zu lassen.

Ein Arbeitsloser protestiert 1934 in London als Roboter verkleidet (links). Dirk, ein Roboter als Arbeitsloser verkleidet, verblüfft Menschen in einer Fußgängerzone (2010): „Homeless Robot“ des auf kinetische Kunst spezialisierten niederländischen Künstlers und Erfinders Fred Adels (rechts).

Wie es sich für einen Vagabunden gehört, findet die Performance ausschließlich auf der Straße statt. Dirk flaniert einfach mit seinem rasselnden Einkaufswagen durch die Straßen und bleibt hin und wieder stehen, um eine Melodie auf seiner Drehorgel zu spielen oder die ihn umringenden Menschen mit ausgestreckter Hand um ein paar Münzen zu bitten. Die meisten Menschen schrecken vor Obdachlosen automatisch zurück, aber in diesem Fall ist er auch eine seltsame Attraktion. Dieses Dilemma ruft Spannung beim Publikum hervor und führt manchmal zu hitzigen Diskussionen. Es ist für die Leute gleichermaßen erschütternd wie unterhaltend, wenn sie bemerken, dass sie einen Roboter für einen Menschen gehalten haben. Es ist eine Erfahrung, die bisher niemand im Publikum gemacht hat. Und zugleich eine ironische Umkehrung der robophoben Befürchtung, dass wir zu mittellosen Landstreichern werden, wenn die intelligenten Maschinen uns die Arbeit abnehmen, mit denen wir heute noch unseren Lebensunterhalt bestreiten.

Und wenn wir einst auch mehr Maschinen als Arbeit haben, wird vielleicht dem einen oder anderen Roboter tatsächlich auch ein Dirk’sches Schicksal ereilen. Dann bekommt endlich auch der Begriff „Maschinensteuer“ einen neuen Sinn.