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Freitag, 29. Januar 2016



Dienstag, 12. Januar 2016


Dienstag, 12. Januar 2016 um 15:20:00 von Kulturpool Redaktion

Gertrud und Adele

Anlass
Ausstellung „Die Sammlerin Gertrud Dübi-Müller: ihre Geschwister und Künstler“ im Kunstmuseum Solothurn

Mit “Liebes Fräulein Gertrud” hat Ferdinand Hodler (1853-1918) einen seiner vielen Briefe an Gertrud Dübi-Müller adressiert. Die beiden verband eine enge Freundschaft, von der neben einem regen Briefwechsel auch zahlreiche Bildnisse zeugen, in denen Hodler seine Sammlerin festgehalten hat. Besonders eines dieser Porträts von Gertrud Müller (aus dem Jahr 1911) verweist auf die tiefe künstlerische Verwandtschaft des Schweizer Malers mit den Wiener Sezessionisten. Holder schuf das Bild vier Jahre nachdem Gustav Klimt sein berühmtes Porträt von Adele Bloch-Bauer gemalt hatte. Beide Arbeiten überraschen durch die Ähnlichkeit in der Körperhaltung und im Ausdruck der Modelle, sowie die asymmetrische Bildkomposition und verzerrten Proportionen. Und dennoch sind sie in ihrer Ausstrahlung höchst unterschiedlich. Die aufrechte und zugleich erotische Körperhaltung von Holders Frauenfigur, die schmeichelnde Farbpalette, die von Rosa und Abbricht zu hellem Rot changiert, verrät eine Intimität, gegen die sich Klimts goldene Jugendstil-Ikone, die bis zur Restitution des Gemäldes im Jahr 2006 Bestandteil der Sammlung der Österreichischen Galerie im Belvedere war, fast exzessiv ausnimmt.

Ferdinand Hodler: "Porträt von Gertrud Müller" (1911, Kunstmuseum Solothurn) links und Gustav Klimt: "Adele Bloch-Bauer I" (1907, Neue Galerie New York) rechts

Ferdinand Hodlers „Porträt von Gertrud Müller“ und Gustav Klimts „Adele Bloch-Bauer I“ sind nicht die einzigen Bilder, die von der engen künstlerischen Verwandtschaft des Schweizer Symbolisten mit den Wiener Sezessionisten zeugen. Auch Egon Schieles „Sitzender weiblichen Akt mit aufgestützten Armen“ aus dem Jahr 1914 aus der Sammlung Albertina und Holders „Frühling“ (im Besitz des Folkwang Museums in Essen) lassen die wechselseitige Beeinflussung deutlich erkennen. Die komplizierte Verschraubung des Körpers mit vielfältigen Verkürzungen und Überschneidungen, die Schiefes weiblichen Akt auszeichnen, sind schon in Hodlers dreizehn Jahre früher entstandenem Bild mit einem männlichen Akt bis ins Detail - etwa die unnatürlich vorspringenden Hüftknochen der Modelle - vorgebildet. Hier aber ist es Schieles „Variante“, die die Erotik noch schärfer akzentuiert: „Ruhig blickt die Frau dem Betrachter in die Augen“, schreibt Klaus Albrecht Schröder 2005 in einem Katalogtext: „Durch die Kombination mit der exzessiven Sexualität der Frau liegt ihre provokative Wirkung geradezu in der Unausweichlichkeit der visuellen Ansprache des Betrachters. Das Modell betrachtet die Besichtigung ihres Körpers. Bis heute macht diese Blickregie zwischen dem exponierten Modell und dem Betrachter die Brisanz dieser offenherzigen Werke Schieles aus.“

Egon Schiele: "Sitzender weiblicher Akt mit aufgestützten Armen" (1914, Albertina, Wien) rechts und ein Ausschnitt aus Ferdinand Hodlers "Frühling" (1901, Folkwang Museum, Essen) rechts  

Freitag, 29. Januar 2016 um 22:05:43 von Kulturpool Redaktion

Wörter und Sachen - Linguistische Objets trouvés

Anlass
Ausstellung: Digitalisierung der Sammlung Schuchardt aus dem Österreichischen Museum für Volkskunde

Vor über einem halben Jahrhundert wurde ein schöner alter Reisekoffer aus Graz an das Volkskundemuseum in Wien überstellt (siehe Abbildung). "Bei Aufräumarbeiten im Keller der Universitätsbibliothek Graz“, so die kurz davor verschickte Ankündigung, „wurden eine größere Menge Fischereigeräte und andere Gegenstände aus dem Nachlaß des 1927 verstorbenen Sprachforschers Hugo Schuchardt gefunden. Die Sachen sind europäischer Herkunft und dürften somit in Ihr Sammelgebiet fallen. Wenn Sie einverstanden sind, würden wir Ihnen das Material auf unsere Kosten übersenden und geschenkweise überlassen."

Einer der Reisekoffer, in denen die Objekte der Sammlung Schuchardt 1959 von Graz nach Wien transportiert wurden

Die „größere Menge Fischereigeräte“, die so in den Besitz des Museums gelangten, wurden nun digitalisiert und sind seit Kurzem auch online - hier auf kulturpool.at sowie auf der Website des Museums (http://www.volkskundemuseum.at/onlinesammlungen/oemv74074_001) - allgemein einzusehen.

Wirft man bloß einen naiven Blick auf die zahlreichen Fotos der Fischereigeräte und anderer Gegenstände aus dieser Sammlung, ist man sofort fasziniert von der Schönheit dieser einfachen Objekte, die der Linguist Hugo Schuchardt (1842-1927) im Zuge seiner ethnografischen Sprachforschung über viele Jahre zusammengetragen hat. Die Fotografien dieser Objekte würden in Großformaten in jeder Galerie für Aufmerksamkeit sorgen. Aus ihrem Kontext gerissen könnten die kunsthandwerkliche Arbeits- und Gebrauchsgegenstände auch als Objets trouvés Furore machen.

Reuse (links) und Spinnwirtel (rechts) aus der Sammlung Hugo Schauchardt des Österreichischen Museums für Volkskunde

Der Sammler dieser Objekte war die wahrscheinlich interessanteste und nachhaltigste Figur der Geschichte der Sprachwissenschaft in Österreich. Er lehrte an der Universität Graz von 1876 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1900 und blieb dort und in zahlreichen Akademien bis zu seinem Tod 1927 wissenschaftlich außergewöhnlich aktiv. Unter dem heute wieder stark in den Blickpunkt geratenen Titel „Sachwortforschung“ bildeten Etymologien und Kulturforschung einen der roten Fäden in seinem umfangreichen Werk. Und dies macht die Sammlung auch aus wissenschaftlicher Perspektive hoch interessant. Denn seit Schuchardt, der insbesondere anhand des Fischfangs und des Getreidebaus zu zeigen versucht hat, dass Wortgeschichte nicht sinnvoll ohne Sachgeschichte getrieben werden könne, gilt die Verbindung von Realienkunde mit linguistischer Forschung als selbstverständlich.

Fischernetze aus der Sammlung Hugo Schuchardt des Österreichischen Museums für Volkskunde 

Gemeinsam mit Rudolf Meringer verfasste Schuchardt im Jänner 1908 ein Manifest, in dem sie (wie Elisabeth Egger und Susanne Oberpeilsteiner in einem Beitrag zu den im Frühjahr erscheinenden ‚Grazer Linguistischen Studien‘ schreiben) festhielten, "daß die Sprachforschung der Sachforschung als notwendiger Ergänzung bedarf". Eine eigene Sektion "sachliche Volkskunde" solle, so Schuchardt und Meringer, "die Forschungen über die 'Urbeschäftigungen' (Ackerbau, Fischerei, Hirtenwesen), über das Haus und seine Geräte sowie über die im Hause geübten Techniken (Nähen, Spinnen, Flechten, Weben u.s.w.) zum Gegenstande ihrer Verhandlungen machen.“

„Sprachforscher“, schrieb Schuchardt 1904 in seinem Aufsatz „Zur Methodik der Wortgeschichte“, „die wie ich ihre Wissenschaft als einen Zweig der Völkerkunde, freilich den wichtigsten betrachten, finden sich durch den Besuch ethnographischer Museen in ganz eigentümlicher Weise angeregt und erleuchtet. Wir bekommen da nicht, wie jemand scherzen möchte, nur undeklinierte Substantive zu Gesicht; auch in Ruhendem werden Tätigkeiten bis zu einem gewissen Grade veranschaulicht.“ Und das heißt, dass insbesondere durch die Ethnographie eine unentbehrliche Grundlage für die philologische Arbeit geschaffen werde; dass die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Wörtern und den von ihnen bezeichneten Gegenständen und Sachverhalten für die Sprachwissenschaft aufschlussreicher seien, als der von Schuchardt kritisierte „Atomismus“ der sogenannten Junggrammatiker (Linguisten der „Leipziger Schule“), die sich bei ihrer Forschung vor allem auf die Laute einer Sprache konzentrierten.

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„Wie einem Sein oder Geschehen der Satz, so entspricht einer Sache das Wort; nur ist die Beziehung nicht umkehrbar. Ich kann fragen: wie heißt die Sache? Ich muß fragen: was bedeutet dieses Wort? Die Sache besteht für sich voll und ganz; das Wort nur in Abhängigkeit von der Sache, sonst ist es ein leerer Schall. Die Etikette an einer Pflanze oder an einer Weinflasche kann mich nichts lehren, wenn sie von dem Platze, an dem sie befestigt war, sich verirrt hat; die Pflanze und der Wein sind auch ohne Etikette einer gründlichen Erkenntnis zugänglich; der Spruch: ‚Nomina si nescis, perit et cognitio rerum‘, von Linne mit gutem Grunde zitiert, gilt nur in einem beschränkten Sinne. Also im Verhältnis zum Wort ist die Sache das Primäre und Feste; das Wort ist an sie geknüpft und bewegt sich um sie herum.“ (Hugo Schuchardt: „Sachen und Wörter“, 1912)
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Von vielen Gegenständen, die in seinen Veröffentlichungen eine Rolle spielten, legte Schuchardt sich daher kleine Sammlungen an und studierte bzw. probierte deren Funktionsweisen, so z.B. von Spindeln, Haspeln, Dreschflegeln und Fischereigerät und Fischnetzen. In seiner Grazer Villa war sogar ein Raum als Fischereimuseum eingerichtet gewesen. Die Objekte wurden ihm von wissenschaftlichen Korrespondenzpartnerinnen und -partnern zugesandt, von Freunden überbracht oder er nahm sie selbst von seinen Reisen mit. Die Gegenstände selbst waren somit Teil eines Netzwerkes wissenschaftlichen Arbeitens. Nach seinem Tod ging dieser Bestand testamentarisch an die Universitätsbibliothek Graz und wurde 1959 als Geschenk dem Wiener Volkskundemuseum vermacht. Nun sind die bislang im Depot schlummernde Objekte, die lange nur singulär und reduziert als Vertreter ihrer Sachgruppe betrachtet wurden, dank Digitalisierung wieder als Wissensspeicher lesbar und einer breiteren interessierten Öffentlichkeit zugänglich.

Reuse (links) und Stülpkorb (rechts) aus der Sammlung Hugo Schuchardt des Österreichischen Museums für Volkskunde

Die unter der Leitung von Elisabeth Egger erstellte Webedition der Sammlung liefert zusätzlich zu den beschreibenden museologischen Daten aller Objekte umfangreiche Verlinkungen zu den in der Webedition des Hugo-Schuchardt-Archivs der Universität Graz (http://schuchardt.uni-graz.at/) editierten Korrespondenzen und Publikationen. Somit wurden die verschiedenen Teile des Schuchardt-Nachlasses virtuell wieder zusammengeführt und rekontextualisiert, was bei der weiteren Aufarbeitung des wissenschaftlichen Œuvres Schuchardts aus Netzwerkperspektive einen erheblichen Erkenntnisgewinn verspricht.