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Samstag, 31. Januar 2015



Montag, 29. September 2014


Freitag, 2. Januar 2015 um 10:39:31 von Kulturpool Redaktion

Achtung Baustelle

Anlass
150 Jahre Wiener Ringstraße

Am 25. Dezember 1857 überraschte die amtliche "Wiener Zeitung" die Bevölkerung mit dem Abdruck des Schreibens Kaiser Franz Josefs an Freiherrn von Bach, den Minister des Inneren, in dem er seine Pläne zur Stadterweiterung bekannt gab, die Wien in den folgenden Jahrzehnten in eine Großbaustelle verwandeln sollten.

Planung der Wiener Ringstraße: Links Stadtplan mit Glasis; rechts der Stadterweiterungsplan

„Es ist Mein Wille“, verkündete der Kaiser, „daß die Erweiterung der inneren Stadt Wien mit Rücksicht auf eine entsprechende Verbindung derselben mit den Vorstädten ehemöglichst in Angriff genommen und hiebei auch auf die Regulirung und Verschönerung Meiner Residenz- und Reichshauptstadt Bedacht genommen werde. Zu diesem Ende bewillige Ich die Auflassung der Umwallung und der Fortifikationen der inneren Stadt sowie der Gräben um dieselbe. (…) Auf die Herstellung öffentlicher Gebäude, namentlich eines neuen General-Kommando's, einer Stadt-Kommandantur, eines Opernhauses, eines Reichsarchives, einer Bibliothek, eines Stadt-Hauses, dann der nöthigen Gebäude für Museen und Galerien ist Bedacht zu nehmen. (…) Sonst aber soll im Anschluß an den Quai längs dem Donaukanal rings um die innere Stadt ein Gürtel in der Breite von mindestens vierzig Klafter, bestehend aus einer Fahrstraße mit Fuß- und Reitwegen zu beiden Seiten, auf dem Glacisgrunde in der Art angelegt werden, daß dieser Gürtel eine angemessene Einfassung von Gebäuden abwechselnd mit freien zu Gartenanlagen bestimmten Plätzen erhalte (…).“

Josefstädter Glacis: Die Lithographie aus dem Jahre 1865 zeigt den prekären Zustand der Wegverhältnisse zur Zeit der Wiener Stadterweiterung

Der offizielle Startschuss für die Errichtung der Wiener Ringstraße und damit der (damals) größte Baustelle Europas war damit gefallen. Zeitgleich wurde die Ausschreibung eines Wettbewerbs für Ideen zur Gestaltung der frei werdenden Flächen angekündigt, die schon über 100 Jahre davor städtebauliche Fantasien erregten; unter anderen jene des österreichischen Generalfeldmarschalls Charles Joseph Fürst de Ligne sowie des k.k. Regierungsrats Friedrich Wilhelm von Taube, die Mitte des 18.Jahrhunderts - unabhängig voneinander - die Beseitigung der Fortifikationsanlagen (Bastei) und die Bebauung des dadurch gewonnenen Raums vorschlugen.

Unmittelbar vor der Errichtung der Ringstraße: Links das Glacis vor der Burgbastei (heute etwa Getreidemarkt); rechts Abriss der Werdertores

Nachdem sich beinahe das gesamte Who-is-Who der Wiener Architektenszene an der Ausschreibung beteiligt hatte, wurden - da keiner der Pläne für sich allein überzeugen konnte - drei Entwürfe von Friedrich Stache, Ludwig Förster sowie August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll, die später u.a. die Staatsoper entwerfen sollten, zu einem Gesamtplan verschmolzen. 1859 wurde der Grundplan, in dem sich viele Ideen der prämierten Wettbewerbsteilnehmer wieder fanden, vom Kaiser genehmigt, der auch in den folgenden Jahren immer wieder - neuen Anforderungen entsprechend - geändert wurde. Neben Parkanlagen und öffentlichen Gebäuden waren großzügige Bauflächen vorgesehen, die dem aufstrebenden Großbürgertum die Errichtung prachtvoller Repräsentationsbauten ermöglichen sollte. Nicht zuletzt sah der Plan auch vor, durch den Verkauf von Grundstücken an Private zumindest einen Teil der nötigen finanziellen Mittel für die staatlichen bzw. öffentlichen Gebäude sicher zu stellen.

Bau der Wiener Staatsoper: Links oben die Baugrube; rechts oben ein Gruppenfoto der Arbeiter vor der Oper; unten die Dachkonstruktion

Für die Prachtstraße, die nicht nur sämtliche wichtige Gebäude des Reiches vereinen, sondern auch die soeben eingemeindeten Vorstädte näher an das Stadtzentrum rücken sollte, mussten zunächst einmal die Festungsmauern weichen. 1858 begann der Abbruch beim Rotenturmtor am Donaukanal, bis auf das Burgtor wurden nach und nach auch alle anderen Teile der ursprünglichen Stadtbefestigungsanlage abgetragen. Die Schleifung der Bastionen war Stadtgespräch. Und Johann Strauß Sohn schrieb sogar eine darauf Bezug nehmende "Demolirer-Polka".

Gebaut wurde dann rasch: Schon im Mai 1858 konnte das erste Stück des neuen Rings zwischen Aspernbrücke und Rotenturmstraße vom Verkehr genutzt werden - "allerhöchst" verfügte der Kaiser, dass dieser Abschnitt seinen Namen tragen dürfe. Sieben Jahre später, am 1. Mai 1865, wurde dann die „eigentliche“ Ringstraße feierlich eröffnet, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt alles andere als fertig war. Erst nach und nach erfolgte die Fertigstellung der einzelnen Abschnitte sowie der Bebauung, auch die Alleebäume, die entlang der Spuren gesetzt wurden, mussten noch gedeihen.

Reichsratsgebäude (Parlament) und Rathhaus under construction

Erst um 1880 näherte sich die rund vier Kilometer lange und 57 Meter breite Ringstraße (ohne Franz-Josefs-Kai) dann langsam ihrer Vollendung. An einigen der zirka 800 Gebäuden, die im gesamten Neubau-Areal errichtet wurden, wurde bis weit in die 1910er Jahre gearbeitet. Da die neue Straße als Repräsentationsboulevard geplant war, wurde für Lastfuhrwerke die parallel verlaufende „Lastenstraße“ vorgesehen, eine bis heute geltende und unter der Bezeichnung „Zweier Linie“ bekannte Verkehrsregelung. Dennoch entwickelte sich der Ring auch zu einer wichtigen Straße für den privaten und öffentlichen Verkehr: 1868 nahm die Pferdebahn der Wiener Tramway-Gesellschaft ihren Betrieb auf. Zunächst nur zwischen Stubenring und Schottentor unterwegs, erweiterte man die Strecke bald um Schottenring bis Franz-Josefs-Kai. 1898 stellte die Tramway auf elektrischen Betrieb um.

Bauarbeiten in den 1950er Jahren: Oben und links unten Fotos von der Errichtung des Opernringhofes; rechts unten Bauarbeiter am Ringturm 

Nach den Zerstörungen im 2.Weltkrieg und im Zuge der Ausweitung des motorisierten Individualverkehrs Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre erlebte der Ring (und die Lastenstraße) nochmals einschneidende Baumaßnahmen: Von der Errichtung des Opernringhofs (1955) an Stelle des zerstörten Heinrichhofs über den Bau des Ringturms (1955) bis zum sog. „Jonas-Reindl“ am Schottenring (1960), der Opernpassage (1955) und anderer Fußgängerunterführungen sowie den 1966 eröffneten Straßenbahntunnel für die Linien 2. Bis Anfang der 1970er Jahre herrschte am Ring noch Gegenverkehr; zwanzig Jahre später wurde der Boulevard auch mit - bis heute umstrittenen - Radwegen ausgestattet.

Großbaustelle Jonas-Reindl (1955): Im Hintergrund die Votivkirche

So prächtig die Ringstraße heute auch ist: Sie wurde unter größten Anstrengungen errichtet. Um dem Repräsentationsbedürfnis des Kaiserhauses und der Selbstdarstellung des erstarkten liberalen Großbürgertums - und in den 1950er und 1960er Jahren dem „modernen Wien“ - zu genügen, mussten die Wiener viele Jahre in einer Baustelle wohnen und arbeiten. Auch die Ziegelproduktion für die Prachtbauten war Schwerstarbeit. Hauptsächlich böhmische und mährische Einwanderer, die so genannten "Ziegelbehm", produzierten den Baustoff unter fast sklavenartigen Bedingungen in den Ziegelfabriken der Stadt. Die Bilderserie in diesem Beitrag wirft zur Erinnerung daran einen etwas anderen Blick auf auf das Weltkulturerbe „Wiener Ringstraße“.