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Sonntag, 21. September 2014



Montag, 18. August 2014


Montag, 25. August 2014 um 16:57:33 von Kulturpool Redaktion

Lafayette - Menschenrecht und Warenhaus

Anlass
225.Jahrestag der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte

Wer heute den Namen Lafayette hört, denkt an Konsum - an den Pariser Warenhaustempel oder seine Berliner Filiale - kaum jedoch an Politik. Dass der milliardenschwere Kaufhauskonzern den Namen des wichtigsten Mitverfassers der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte trägt, ist purer Zufall. Das kleine Wäschemodengeschäft, aus dem später das weltbekannte Luxuswarenhaus hervorgehen sollte, wurde einfach nach der Straße benannt, in der es Ende des 19.Jahrhunderts seine Pforten öffnete. Die Ironie der Geschichte: Heute werden Konsumentenrechte tatsächlich oft wichtiger genommen als Bürgerrechte. Das Kaufhaus, nicht das Parlament, ist der Ort, den wir mit Freiheit verbinden: „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“, wie es uns der Marketingslogan einer bekannten Drogeriekette täglich einhämmert.

Zweimal Lafayette: Ein Portrait des Mitverfassers der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (links) und das Pariser Luxuskaufhaus "Galeries la Lafayette" (rechts)

Immerhin: In Frankreich und den USA erinnern nicht nur Kaufhäuser an den Marquis de Lafayette (1757-1834), den französischen General im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der den republikanischen Geist in Worte fasste, die noch heute die Grundlage unserer demokratischen Verfassungen sind. Nicht nur die Straße in Paris, in der das Wäschemodenhaus gegründet wurde, nicht nur eine französische U-Boot-Klasse, nicht nur zahlreiche Ortsnamen in fast jedem amerikanischen Bundesstaat. Vor dem Weißen Haus in Washington D.C. steht zu Ehren des Marquis de Lafayette auch ein Denkmal - und er ist einer der insgesamt nur sieben Ehrenbürger der Vereinigten Staaten von Amerika.

In Österreich erinnert - sieht man vom „Cafe Lafayette“ ab, das sich ausgerechnet in Bad Ischl, der Sommerresidenz der Habsburger, befindet - kaum etwas an diesen Pionier der Menschenrechte. Wobei „erinnert“ wohl schon zu hochgegriffen ist: Vermutlich weiß keiner der Stammgäste des als „Treffpunkt für Unterhaltungssuchende“ (Eigendefinition) geltenden Cafés mit dem Namen etwas anzufangen.

Clemens Wenzel von Metternich links auf einem Gemälde von Thomas Lawrence ca. 1820--1825 und Kaiser Franz I. (II.) im österreichischen Kaiserornat auf einem Gemälde von Friedrich von Amerling ca. 1832 (rechts)

Von Kaiser Franz II./I. (1768-1835) und seinem reaktionären Regime als Staatsfeind ersten Ranges wahrgenommen, wurde und wird Lafayette in Österreich bis heute totgeschwiegen: Ein paar Druckgrafiken in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek, das sind die einzigen materiellen Spuren, auf die man bei kursorischen Recherchen stößt.

Ein Schicksal das Marie Joseph Paul Ives Roch Gilbert du Motier, Marquis de la Fayette, Baron de Vissac (so sein vollständiger Name) „naturgemäß“ - wie Thomas Bernhard sagen würde - auch mit heimischen Vorkämpfern der Demokratie und Menschenrechte teilt. Mit Franz Hebenstreit etwa, mit Andreas Riedel oder Martin Siebenbürger. „Sie finden sich nicht im Bildungskanon; sie sind nicht Teil dessen, was in der Schule gelehrt und gelernt wird, ihr Andenken wird nicht gepflegt“, wie der Historiker Hubert Christian Ehalt schon vor einigen Jahren in einem Artikel in der „Presse“ klagte: „Nicht sie sind im kollektiven und kanonisierten Gedächtnis Österreichs verankert, sondern deren Bekämpfer und Zerstörer: Klemens Wenzel Lothar Metternich, Josef Wenzel Radetzky, Kaiser Franz II./I. u.a.“ (zit. http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/forumbildung/577134/Rehabilitierung-des-Demokraten-der-ersten-Stunde).

Die letzten beiden Jahre seiner Gefangenschaft in Olmütz teilte Lafayette mit seiner Frau Adrienne und seine beiden Töchtern, die aufgrund des jakobinischen Terrors aus Paris geflüchtet waren: Tompkins Harrison Matteson, Lafayette in Prison at Olmütz, 1795-97 - 1850. Courtesy of the Lafayette College Art Collection (links) und Hinrichtung Franz Hebenstreits 1795 am Schottentor - Autor und Quelle unbekannt (rechts)

Die Literaten, Philosophen und visionären Demokraten, die sich in der Folge der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776) und der Französischen Revolution (insbesondere der ersten Phase von 1789-1791) mit Zivilcourage auch in Österreich für eine neue Gesellschaft einsetzten, wurden denunziert, diffamiert, diskriminiert, ermordet, in die Emigration getrieben. Und bis heute nicht öffentlichkeitswirksam rehabilitiert.

Franz Hebenstreit (auch an ihn erinnert in Österreich ausschließlich ein Kaffeehaus - wenn in diesem Fall auch eines, in dem das Andenken an den Wiener Demokraten zumindest durch den „Republikanischen Club“ um den Schriftsteller Doron Rabinovici seit 1989 hochgehalten wird) wurde am 8. Jänner 1795 am Schottentor vor den Stadtmauern Wiens in Anwesenheit von angeblich 100.000 Schaulustigen gehängt (und noch heute zählt sein Schädel zu den wichtigsten „Exponaten“ des Wiener Kriminalmuseums, in dem viele Körperteile „hingerichteter Verbrecher“ (sic!) zu sehen sind); Andreas Riedel (der ehemalige Privatlehrer des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches und zugleich erster Kaisers von Österreich Franz II/I), damals 47 Jahre alt, wurde 3 Tage Am Hof in Wien an den Pranger gestellt und zu 60 Jahren schwerem Kerker verurteilt, aus dem ihn erst 1809 die französischen Armee unter Napoleon befreite.

"Déclaration des droits de l'homme et du citoyen" (Paris 1789) - Archives Nationales (links) und "Urtheil über den Landesverräther und Verführer Andreas Riedel" (Wien 1795) - Österreichische Nationalbibliothek (rechts)

Ein Schicksal, das auch den Marquis de Lafayette ereilte, der 1792 in Belgien von der konservativen Allianz aus Preußen und Österreich festgenommen und von 1794 bis 1797 als politischer Häftling der Donaumonarchie in Olmütz (Mähren) interniert war. Selbst die Intervention von George Washington, dem ersten amerikanischen Präsidenten, bei Kaiser Franz, Lafayette zu enthaften, blieb erfolglos. Das persönliche Schreiben Washingtons wurde vom österreichischen Kaiser nicht einmal ignoriert. Erst Napoleon erwirkte 1797 Lafayettes Freilassung.

Von den Österreichern gefangen genommen wurde Lafayette nicht als französischer General (also als Vertreter einer sich mit Österreich im Krieg befindenden Nation), sondern als Flüchtling vor den Jakobinern, die ihn zuvor in der Nationalversammlung zum Verräter an der Revolution erklärt hatten. Auf der Festung Olmütz wurde er demnach nicht als Kriegsgefangener sondern als Symbolfigur der amerikanischen und der Französischen Revolution interniert, als begeisterter Anhänger der amerikanischen Verfassungsgrundsätze und erfolgreicher Kämpfer an der Seite Washingtons im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der nicht müde wurde, alle Staaten aufzurufen, dem amerikanischen Beispiel zu folgen - und damit die personifizierten Bedrohung für die reaktionären Habsburger unter Franz II./I. war.

Schon während seines ersten Aufenthalts in Amerika freundete sich Lafayette mit George Washington an. Das Bild von Thomas Prichard Rossiter und Louis Rémy Mignot aus dem Jahre 1859 zeigt Washington und Lafayette bei einem Treffen am Mount Vernon anno 1784 - The Metropolitan Museum of Art, New York

Erst drei Jahre vor der Inhaftierung durch die Österreicher hatte Lafayette den Entwurf einer Menschenrechtserklärung vorgelegt, die er mit der Unterstützung von Thomas Jefferson (1743-1826), einem der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, damals Botschafter in Paris und später dritter Präsident der USA, erarbeitet hatte. Am 26. August 1789 verkündete die französische Nationalversammlung die auf Lafayettes Entwurf basierende Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen) und damit einen der Grundlagentexte, mit denen nicht nur die Demokratie und Freiheit in Frankreich begründet wurden, sondern der in der Folge auch die Basis vieler anderer demokratischer Verfassungen bildete.

Neben den unveräußerlichen Rechten der persönlichen Freiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz, der freien politischen Betätigung und der freien Meinungsäußerung, die schon in der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung festgeschrieben wurden, legte die französischen Nationalversammlung darüber hinaus auch die Pflichten des Staates fest. Höchstes Ziel des Staates sollte es sein, die genannten gesetzlich garantierten Freiheiten zu schützen. Sollte der Staat dabei versagen oder zu diktatorischen Zwangsmitteln greifen, billigte die Erklärung allen Staatsbürgern das Recht auf Widerstand zu.

Lafayette verfasste mit Unterstützung von Thomas Jefferson den Entwurf einer Menschenrechtserklärung, der die Basis für die am 26.August 1789 von der Französischen Nationalversammlung verkündeten "Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen" bildete. Links ein Portrait Jeffersons (Österreichische Nationalbibliothek) und rechts Lafayette in seiner Zelle in Olmütz (Marquis de Lafayette Collections, Skillman Library, Lafayette College, Art Colletion, USA)

In Österreich freilich sollten diese Ideen noch lange nicht Fuß fassen. Zwar wurden - mehr aus außenpolitischen Gründen (die Annäherung an Frankreich durch die Verheiratung von Napoleon mit der 19-jährigen Tochter Franz I., Marie Louise von Habsburg-Lothringen, die dem militärisch und wirtschaftlich unter Druck geratenen Österreich wieder Luft verschaffen sollte) - mit der Verfassung und Veröffentlichung des „Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches“ am 1.Jänner 1812 erste Schritte zu einem modernen Staat unternommen. Doch diese währten nicht lange.

Nach dem Untergang Napoleons lud Kaiser Franz I. zum Kongress nach Wien, wo 1814 über die Neuordnung Europas beraten wurde. Er hatte gewonnen. Napoleon war verbannt und der österreichische Kaiser herrschte über ein neues, gleichsam altes Österreich, denn nun konnte Franz I. „seine“ Ordnung - gemeinsam mit Klemens Wenzel Lothar, Fürst von Metternich (1773-1859) wiederherstellen und jegliche liberale Strömung mittels polizeistaatlichen Methoden unterdrücken. Metternich überlebte politisch auch die sog. Märzrevolution 1848, die die Habsburger zu Verfassungszugeständnissen gezwungen hatte, die der junge Kaiser Franz-Josef I. (1830-1916) schon 1851 wieder zurücknahm.

Der Marquis de Lafayette und seine geistigen Wiener Kombattanten um Franz Hebenstreit waren im Sisi- und Kaiser-seligen Österreich schon damals längst vergessen. Und auch 225 Jahre nach der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte werden sie hierzulande eher mit Kauf- und Kaffeehäusern assoziiert als mit bürgerlicher Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat