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Montag, 25. August 2014



Dienstag, 5. August 2014


Montag, 18. August 2014 um 15:23:37 von Kulturpool Redaktion

Der Spiegel in der Kunst

Anlass
Ausstellung „Die andere Seite - Spiegel und Spiegelungen in der zeitgenössischen Kunst“ im Schloss Belvedere

Über eine lange historische Epoche war das Herstellen eines Spiegels selbst eine Kunst. Später wurden Spiegel künstlerisch gestaltet. Noch später wurden sie zu einem Instrument des Künstlers (z.B. für Selbstporträts) und zugleich zu einem beliebten Sujet - oft mit hoher symbolischer Aufladung. Heute sind Spiegel in der Kunst vor allem künstlerisches Material, mit dem Reflexion nicht nur mittelbar zum Thema gemacht wird.

Mit Hilfe des Spiegels kam der Mensch nicht nur sich selbst, sondern auch den unendlichen Fernen des Universums näher als mit irgendeinem anderen Medium. Als Medium der Selbsterkenntnis fand der Spiegel die Grenzen seiner wissenschaftlichen Rezipierbarkeit in der Selbstbezüglichkeit, dem großen Thema aller psychoanalytisch orientierten Forschungsansätze. Als Leerstelle der Welterkenntnis bekamen Spiegel eine wissenschaftliche Perspektive vor allem jenseits ihrer eigenen Medialität in Bildern und Metaphern, den Paradigmen aller bild- und textorientierten Forschungsansätze.

So repräsentierte der Spiegel in antiken Kulturen das Abbild der Seele, er stand in der Kunst des europäischen Mittelalters sowohl für Keuschheit, Vergänglichkeit, Sinnesfreude als auch für Putzsucht und war im Barock ein Symbol der Vanitas. Er gilt als Medium der Selbstwahrnehmung, als Gerät der narzisstischen Selbstverdoppelung sowie als Kultgegenstand magischer Beschwörung übersinnlicher Kräfte. Seine metaphorischen Bedeutungen sind vielfältig und widersprüchlich.

Dabei war der erste Spiegel wohl schlicht eine glatte Wasseroberfläche. Im Mythos der griechischen Antike entdeckte Narziss sein Spiegelbild in einem Teich (oder einem Brunnen). Dass es sich dabei um sein Ebenbild handelte, war ihm allerdings noch nicht bewusst - er verliebte sich prompt in den Jüngling, der ihn dort anblickte.

Narziss entdeckt sein Spiegelbild: Links auf einer Zeichnung von Isaac de Moucharon, 1707 (Albertina, Wien) und rechts auf einem Gemälde von Caravaggio, 1598/99 (Galleria Nazionale d'Arte Antica, Rom)

Das Phänomen des Widerscheins hat die Menschen seit jeher fasziniert. Narziss war daher nicht nur in der Antike ein beliebter Gegenstand der bildenden Kunst - so finden sich Darstellungen des Narziss auf geschnittenen Steinen, späten Reliefs, auf Sarkophagen und Wandgemälden, wie etwa in Pompeji - , sondern die Menschen setzen seit je alles daran, dieses optische Schauspiel zu imitieren.

Zunächst behalf man sich mit spiegelnden Steinen, später dann mit Metall. Die alten Ägypter kannten bereits um 3000 v. Chr. Handspiegel aus polierter Bronze. Um 400 v. Chr. setzte die Blütezeit griechischer Metallspiegel ein. In der hellenistischen Epoche wurden auch die ersten kleinen Standspiegel hergestellt. Dass solches Gerät die Eitelkeit förderte, liegt auf der Hand: Der berühmte Redner Demosthenes soll seine Auftritte vor einem Spiegel geübt haben.

Antiker Handspiegel aus Ägypten (links) und Etruskischer Handspiegel aus Bronze (rechts)

Seit wann es Glasspiegel gibt, ist nicht genau zu rekonstruieren. Auf jeden Fall war die Spiegelherstellung ab dem 14. Jahrhundert in Europa etabliert. Dabei wurde das rund geblasene Glas mit einer Metallfolie hinterlegt oder auf der Rückseite mit Metall beschichtet. Für das Jahr 1373 ist eine Spieglerzunft in Nürnberg bezeugt; eine weitere Hochburg mittelalterlicher Spiegelherstellung war Flandern. Neben kleinen Tischspiegeln waren vor allem Taschen- oder Gürtelspiegel mit Elfenbeingriffen beliebt, die die Kammacher zum Beispiel als Brautgeschenk feil boten.

Heilige und weniger heilige Frauen im Spiegel: Hl. Katharina auf einem Tafelbild des Meisters von Bat, 1410/20 (links) und ein Wäschemodel um 1900 auf einem Foto aus dem Atelier D'Ora-Beda (rechts)

Zur Zeit der Renaissance gab es revolutionäre technische Neuerungen, die insbesondere von Venedig ausgingen. Seit dem 16. Jahrhundert lieferte die Lagunenstadt die neuartigen Spiegel in alle Welt. 1688 entwickelten die Franzosen Abraham Thewart und Lucas de Nehou das noch heute gebräuchliche Schmelzgussverfahren: Dabei verteilt man die geschmolzene Glasmasse direkt auf dem metallenen Gusstisch und glättet sie dann mit einer Walze. Anschließend wird die Glasplatte geschliffen und mit einer Zinnfolie samt Quecksilberschicht belegt.

Dank der neuen Produktionsmethoden, die nicht nur flachere, sondern auch zunehmend größere Scheiben ermöglichten, wurde der Spiegel als Teil der Inneneinrichtung immer wichtiger. Schon Katharina von Medici soll im ausgehenden 16. Jahrhundert ein Kabinett besessen haben, bei dem 119 Spiegel in die Wandvertäfelung eingelassen waren.

Seine Blütezeit erlebte der Spiegel als Teil der Raumgestaltung schließlich im Barock. Allerorten wurden Schlösser verschwenderisch mit Spiegeln ausgestattet: Wer mächtig und reich war, sonnte sich im Glanz des Materials und spielte mit der illusionistischen Steigerung der Pracht. Keiner beherrschte dies so wie Ludwig XIV. von Frankreich. Seine 1678-1686 errichtete Galerie des Glaces im Schloss von Versailles ließ der Sonnenkönig mit 300 Spiegeln auskleiden. Diese erste Spiegelgalerie wurde in ganz Europa kopiert und sollte doch die berühmteste bleiben.

Spiegelkunst einst: Zeichnung nach einem Holzschnitt von Albrecht Dürer aus dem 16.Jhdt. (links) und Selbstporträt Egon Schieles mit Aktmodell vor dem Spiegel, 1910 (rechts)

Da Spiegel und Koketterie immer eng beieinander lagen, wurden natürlich auch weiterhin die kleinen Taschenspiegel produziert. Im Empire wurde der erste figurhohe, bewegliche Standspiegel, die sogenannte Psyché, gefertigt.

Erst im 19. Jahrhundert reklamierte auch das Bürgertum Glanz und Selbstbespiegelung für sich: Der Spiegel wird nun auch in der bürgerlichen Wohnung zu einem wichtigen Einrichtungsgegenstand. Zudem stattet man öffentliche Räume wie Kaffeehäuser, Restaurants oder Theaterfoyers mit glänzenden Spiegelfronten aus. In unseren modernen Städten können wir uns täglich in gläsernen Fassaden und Schaufenstern spiegeln.

Obwohl allgegenwärtig hat der Spiegel bis heute nichts an seiner Faszination verloren, und die Begegnung mit sich selbst im Spiegelbild hat bis heute etwas Magisches. Das ist mit ein Grund für die fortgesetzte Beliebtheit des Spiegels auch in der modernen Kunst. In einer zunehmend säkularen Zeit bringt er die Ebenen der Transzendenz und der Magie ins Spiel, er betont auch jenen Aspekt der narzisstischen Selbstüberhöhung, der in einer medialen Umgebung von Castingshows, Model-Wettbewerben und Talkrunden zu einer gesellschaftlichen Leitidee wurde. Die Märchenfrage Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die/der Schönste im ganzen Land? wird im Rahmen ebendieser TV-Formate täglich neu gestellt – gewissermaßen als Wiederauflage des barocken Vanitas-Motivs.

Spiegelkunst heute: Michelangelo Pistolettos Mixed-Media-Arbeiten verknüpfen reale Spiegel mit Malerei oder Skulptur und beziehen den jeweiligen Betrachter in den Bildinhalt ein (links; Foto: N.Lackner/UMS zur einer Ausstellung im Joanneum Graz) und Pistolettos "L'Etrusco" 1976, Spiegel, Gips, Farbe, Kopie einer klassischen Skulptur, Figur ca. 200 x 50 cm, Spiegel 241 x 200 cm, Courtesy: Kunstmuseum Basel und Sammlung Goetz, Foto: Martin P. Bühler (rechts)

Zugleich aber emanzipierte sich der Spiegel in der Kunst des 20.Jahrhunderts vom Objekt der Darstellung zum Material sowie zum Gegenstand der Kunst selbst. Er wird sowohl Trägermedium als auch Kristallisationspunkt philosophischer und psychologischer Auseinandersetzung.

Heimo Zobernigs zerbrochene und blinde Spiegel etwa nehmen ihm die Illusionsfunktion und machen ihn einfach zu Material, während Michelangelo Pistolettos Mixed-Media-Arbeiten reale Spiegel mit Malerei oder Skulptur verknüpfen und so den jeweiligen Betrachter aktuell in den Bildinhalt einbeziehen.

Elke Krystufeks Bilder nach Spiegel-Selfies: Woman of Colour 1997, Belvedere, Wien (links) und Leopard Lily 1998 (rechts)

Für Elke Krystufek ist der Spiegel zunächst - wie für viele Künstlergenerationen davor, die sich des Spiegels bedienten, um Selbstporträts zu malen - ein Instrument; und weist dennoch weit über die profane Funktion hinaus: Die Künstlerin posiert entblößt vor einem Spiegel und macht dabei mit einer Kamera ein Selbstporträt. Die Fotografie dient als Vorlage für die großformatige Malerei. Das Foto wird schnell vor einem Spiegel gemacht und das Bild in nur wenigen Stunden auf die Leinwand übertragen. Die Verdoppelung und die Umkehrung des Motivs sind entscheidend: Durch das Auge der Kamera erblickt Krystufek sich selbst als Vis-à-vis im Spiegel und begegnet dem eigenen Blick. Die Künstlerin blickt nun aber auch von der Leinwand zurück auf den Betrachter. Sie ist alles in einem: die aktive Beobachterin und das passive Bild.

P.S. Dieser Artikel basiert zu einem großen Teil auf Texten der Kuratoren im Ausstellungskatalog (Agnes Husslein-Arco, Edelbert Köb, Thomas Mießgang (Hrsg.): Die andere Seite - Spiegel und Spiegelungen in der zeitgenössischen Kunst) sowie einem Essay von Bettina Vaupel ("Die Kunst des Widerscheins" (http://www.monumente-online.de/09/02/sonderthema/spiegel_barock_schloss.php?seite=1)

-> LINK zur Ausstellung "Die andere Seite" im Beveldere: http://www.belvedere.at/de/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen/die-andere-seite-e152596