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Montag, 18. August 2014



Montag, 18. August 2014


Dienstag, 5. August 2014 um 13:34:45 von Kulturpool Redaktion

Europeana - Geschichten zum Ersten Weltkrieg

Anlass
100.Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs

Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährt sich 2014 zum 100. Mal. Aus diesem Anlass sammelt das Crowdsourcing-Projekt "Europeana 1914-1918" in ganz Europa auch private Erinnerungsstücke und macht diese in einem digitalen Archiv öffentlich zugänglich.

Nach vielen anderen europäischen Städten fand am 1. August 2014 auch in Wien ein Crowdsourcing-Aktionstag statt, an dem Privatpersonen die Möglichkeit hatten, sich mit Fotos, Briefen, Feldpostkarten, Tagebüchern, Filmen, Tonaufnahmen oder Alltagsobjekten und deren Geschichten an "Europeana 1914-1918" zu beteiligen. 120 Wiener und Wienerinnen nutzen die Gelegenheit und brachten jede Menge alter Fotos und Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg mit, die gleich vor Ort dokumentiert und digitalisiert wurden (http://www.w24.at/Europeana-Aktionstag-in-Wien/807194). Allein am Aktionstag konnten dem Archiv rund 4.600 digitale Dateien hinzugefügt werden. Es ist jedoch weiterhin möglich, dem Europeana-Archiv unter http://www.europeana1914-1918.eu/de/contributor laufend selbstständig Geschichten und Erinnerungsstücke hinzuzufügen.

"Fröhlicher Abschied deutscher Kavallerie von Straßenpassanten" (Foto links) und ein sentimentales Postkartenmotiv aus dem Ersten Weltkrieg (rechts)

Ziel des Projekts ist nicht nur die in Europa vorhandenen Museumsarchive digital zu ergänzen, sondern durch Erinnerungsstücke von Privatpersonen und Nachfahren von Zeitgenossen auch die traditionellen Kategorien und Erzählungen von Nation, die epischen Schlachtengemälde, Kriegsschulddebatten und die Rivalitäten einer „Geschichte von oben" vs. „einer Geschichte von unten" zu überwinden. „Europeana 1914-1918“ vereinigt Materialien aus Bibliotheken und Archiven aus aller Welt mit privaten Erinnerungsstücken von Familien aus ganz Europa.

Die Online-Ausstellung mit bis jetzt über 400.000 gesammelten Dateien möchte den Ersten Weltkrieg daher auch aus einer anderen Perspektive zeigen: als ein Mosaik von Orten, die Menschen in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 durchlaufen haben: den Bahnhof, das Lager, das Labor und die Gelehrtenkammer, den Graben, die Etappe, das Hauptquartier, das Lazarett, die Straße und den Kasernenhof. Orte, die sich zuhauf auf allen Seiten der Fronten und in allen Ländern finden lassen. Orte, die den Krieg prägen und gleichzeitig vom Krieg geprägt werden. Sie sind die Bühne für kleine und große Übergänge. Sie lassen den Ersten Weltkrieg als diffuses Ereignis erkennbar werden – als gigantischen Ort des Übergangs, an dem Zivilisation und Barbarei, Moderne und Archaik, Zerstörung und Schöpfung, Beschleunigung und Beharrung, Mythos und Rationalität, Traum und Trauma und vieles mehr ineinander verwobene Realitäten bilden (http://exhibitions.europeana.eu/exhibits/show/14-18-collections-de).

Offiziere der Legion Leoben gehen 1914 mit blumengeschmückten Waggons an die Front (links) und tote Soldaten in einem italienischen Schützengraben 1916 (rechts)

Seit Jänner 2014 ist das Webportal online: Hunderttausende von Dokumenten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs (darunter auch 660 Stunden Filmmaterial aus 21 europäischen Filmarchiven, 90.000 persönliche Dokumente und Erinnerungsstücke, die während zahlreicher Aktionstage in mehr als einem Dutzend Ländern digitalisiert wurden) stehen damit jedem Interessenten online kostenfrei zur Verfügung.

„Europeana 1914-1918“ ist damit die umfassendste europäische Sammlung von Originaldokumenten zum Ersten Weltkrieg. Mit auf dem Portal veröffentlichten Dokumenten aus Archiven, Bibliotheken, Filmarchiven und von Privatpersonen (Abbildungen von Fotografien, Landkarten, Tagebüchern, Tageszeitungen, Briefen, Zeichnungen, Büchern, Flugblättern, Schützengrabenzeitungen und vielem anderem mehr) können neue Zusammenhänge erforscht und noch bisher unbekannte Geschichten jener Zeit erzählt werden.

Jill Cousins, Direktorin von Europeana: „Es ist eine einzigartige Sammlung von teils unbearbeitetem Material – mal selten und besonders wertvoll, mal fragil, aber vor allem kaum bekannt. Wir möchten alle ermutigen – ob Lehrer, Wikipedianer, App-Entwickler – unsere riesige virtuelle Sammlung zu nehmen und neue Inhalte daraus zu erzeugen. Nahezu alle Dokumente sind frei verfügbar, und wir hoffen sehr, dass die Auseinandersetzung mit dem vielen neuen Material darin mündet, zahlreichen Menschen einen erweiterten Blick auf die Geschichte Europas zu vermitteln.“

Montag, 18. August 2014 um 15:23:37 von Kulturpool Redaktion

Der Spiegel in der Kunst

Anlass
Ausstellung „Die andere Seite - Spiegel und Spiegelungen in der zeitgenössischen Kunst“ im Schloss Belvedere

Über eine lange historische Epoche war das Herstellen eines Spiegels selbst eine Kunst. Später wurden Spiegel künstlerisch gestaltet. Noch später wurden sie zu einem Instrument des Künstlers (z.B. für Selbstporträts) und zugleich zu einem beliebten Sujet - oft mit hoher symbolischer Aufladung. Heute sind Spiegel in der Kunst vor allem künstlerisches Material, mit dem Reflexion nicht nur mittelbar zum Thema gemacht wird.

Mit Hilfe des Spiegels kam der Mensch nicht nur sich selbst, sondern auch den unendlichen Fernen des Universums näher als mit irgendeinem anderen Medium. Als Medium der Selbsterkenntnis fand der Spiegel die Grenzen seiner wissenschaftlichen Rezipierbarkeit in der Selbstbezüglichkeit, dem großen Thema aller psychoanalytisch orientierten Forschungsansätze. Als Leerstelle der Welterkenntnis bekamen Spiegel eine wissenschaftliche Perspektive vor allem jenseits ihrer eigenen Medialität in Bildern und Metaphern, den Paradigmen aller bild- und textorientierten Forschungsansätze.

So repräsentierte der Spiegel in antiken Kulturen das Abbild der Seele, er stand in der Kunst des europäischen Mittelalters sowohl für Keuschheit, Vergänglichkeit, Sinnesfreude als auch für Putzsucht und war im Barock ein Symbol der Vanitas. Er gilt als Medium der Selbstwahrnehmung, als Gerät der narzisstischen Selbstverdoppelung sowie als Kultgegenstand magischer Beschwörung übersinnlicher Kräfte. Seine metaphorischen Bedeutungen sind vielfältig und widersprüchlich.

Dabei war der erste Spiegel wohl schlicht eine glatte Wasseroberfläche. Im Mythos der griechischen Antike entdeckte Narziss sein Spiegelbild in einem Teich (oder einem Brunnen). Dass es sich dabei um sein Ebenbild handelte, war ihm allerdings noch nicht bewusst - er verliebte sich prompt in den Jüngling, der ihn dort anblickte.

Narziss entdeckt sein Spiegelbild: Links auf einer Zeichnung von Isaac de Moucharon, 1707 (Albertina, Wien) und rechts auf einem Gemälde von Caravaggio, 1598/99 (Galleria Nazionale d'Arte Antica, Rom)

Das Phänomen des Widerscheins hat die Menschen seit jeher fasziniert. Narziss war daher nicht nur in der Antike ein beliebter Gegenstand der bildenden Kunst - so finden sich Darstellungen des Narziss auf geschnittenen Steinen, späten Reliefs, auf Sarkophagen und Wandgemälden, wie etwa in Pompeji - , sondern die Menschen setzen seit je alles daran, dieses optische Schauspiel zu imitieren.

Zunächst behalf man sich mit spiegelnden Steinen, später dann mit Metall. Die alten Ägypter kannten bereits um 3000 v. Chr. Handspiegel aus polierter Bronze. Um 400 v. Chr. setzte die Blütezeit griechischer Metallspiegel ein. In der hellenistischen Epoche wurden auch die ersten kleinen Standspiegel hergestellt. Dass solches Gerät die Eitelkeit förderte, liegt auf der Hand: Der berühmte Redner Demosthenes soll seine Auftritte vor einem Spiegel geübt haben.

Antiker Handspiegel aus Ägypten (links) und Etruskischer Handspiegel aus Bronze (rechts)

Seit wann es Glasspiegel gibt, ist nicht genau zu rekonstruieren. Auf jeden Fall war die Spiegelherstellung ab dem 14. Jahrhundert in Europa etabliert. Dabei wurde das rund geblasene Glas mit einer Metallfolie hinterlegt oder auf der Rückseite mit Metall beschichtet. Für das Jahr 1373 ist eine Spieglerzunft in Nürnberg bezeugt; eine weitere Hochburg mittelalterlicher Spiegelherstellung war Flandern. Neben kleinen Tischspiegeln waren vor allem Taschen- oder Gürtelspiegel mit Elfenbeingriffen beliebt, die die Kammacher zum Beispiel als Brautgeschenk feil boten.

Heilige und weniger heilige Frauen im Spiegel: Hl. Katharina auf einem Tafelbild des Meisters von Bat, 1410/20 (links) und ein Wäschemodel um 1900 auf einem Foto aus dem Atelier D'Ora-Beda (rechts)

Zur Zeit der Renaissance gab es revolutionäre technische Neuerungen, die insbesondere von Venedig ausgingen. Seit dem 16. Jahrhundert lieferte die Lagunenstadt die neuartigen Spiegel in alle Welt. 1688 entwickelten die Franzosen Abraham Thewart und Lucas de Nehou das noch heute gebräuchliche Schmelzgussverfahren: Dabei verteilt man die geschmolzene Glasmasse direkt auf dem metallenen Gusstisch und glättet sie dann mit einer Walze. Anschließend wird die Glasplatte geschliffen und mit einer Zinnfolie samt Quecksilberschicht belegt.

Dank der neuen Produktionsmethoden, die nicht nur flachere, sondern auch zunehmend größere Scheiben ermöglichten, wurde der Spiegel als Teil der Inneneinrichtung immer wichtiger. Schon Katharina von Medici soll im ausgehenden 16. Jahrhundert ein Kabinett besessen haben, bei dem 119 Spiegel in die Wandvertäfelung eingelassen waren.

Seine Blütezeit erlebte der Spiegel als Teil der Raumgestaltung schließlich im Barock. Allerorten wurden Schlösser verschwenderisch mit Spiegeln ausgestattet: Wer mächtig und reich war, sonnte sich im Glanz des Materials und spielte mit der illusionistischen Steigerung der Pracht. Keiner beherrschte dies so wie Ludwig XIV. von Frankreich. Seine 1678-1686 errichtete Galerie des Glaces im Schloss von Versailles ließ der Sonnenkönig mit 300 Spiegeln auskleiden. Diese erste Spiegelgalerie wurde in ganz Europa kopiert und sollte doch die berühmteste bleiben.

Spiegelkunst einst: Zeichnung nach einem Holzschnitt von Albrecht Dürer aus dem 16.Jhdt. (links) und Selbstporträt Egon Schieles mit Aktmodell vor dem Spiegel, 1910 (rechts)

Da Spiegel und Koketterie immer eng beieinander lagen, wurden natürlich auch weiterhin die kleinen Taschenspiegel produziert. Im Empire wurde der erste figurhohe, bewegliche Standspiegel, die sogenannte Psyché, gefertigt.

Erst im 19. Jahrhundert reklamierte auch das Bürgertum Glanz und Selbstbespiegelung für sich: Der Spiegel wird nun auch in der bürgerlichen Wohnung zu einem wichtigen Einrichtungsgegenstand. Zudem stattet man öffentliche Räume wie Kaffeehäuser, Restaurants oder Theaterfoyers mit glänzenden Spiegelfronten aus. In unseren modernen Städten können wir uns täglich in gläsernen Fassaden und Schaufenstern spiegeln.

Obwohl allgegenwärtig hat der Spiegel bis heute nichts an seiner Faszination verloren, und die Begegnung mit sich selbst im Spiegelbild hat bis heute etwas Magisches. Das ist mit ein Grund für die fortgesetzte Beliebtheit des Spiegels auch in der modernen Kunst. In einer zunehmend säkularen Zeit bringt er die Ebenen der Transzendenz und der Magie ins Spiel, er betont auch jenen Aspekt der narzisstischen Selbstüberhöhung, der in einer medialen Umgebung von Castingshows, Model-Wettbewerben und Talkrunden zu einer gesellschaftlichen Leitidee wurde. Die Märchenfrage Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die/der Schönste im ganzen Land? wird im Rahmen ebendieser TV-Formate täglich neu gestellt – gewissermaßen als Wiederauflage des barocken Vanitas-Motivs.

Spiegelkunst heute: Michelangelo Pistolettos Mixed-Media-Arbeiten verknüpfen reale Spiegel mit Malerei oder Skulptur und beziehen den jeweiligen Betrachter in den Bildinhalt ein (links; Foto: N.Lackner/UMS zur einer Ausstellung im Joanneum Graz) und Pistolettos "L'Etrusco" 1976, Spiegel, Gips, Farbe, Kopie einer klassischen Skulptur, Figur ca. 200 x 50 cm, Spiegel 241 x 200 cm, Courtesy: Kunstmuseum Basel und Sammlung Goetz, Foto: Martin P. Bühler (rechts)

Zugleich aber emanzipierte sich der Spiegel in der Kunst des 20.Jahrhunderts vom Objekt der Darstellung zum Material sowie zum Gegenstand der Kunst selbst. Er wird sowohl Trägermedium als auch Kristallisationspunkt philosophischer und psychologischer Auseinandersetzung.

Heimo Zobernigs zerbrochene und blinde Spiegel etwa nehmen ihm die Illusionsfunktion und machen ihn einfach zu Material, während Michelangelo Pistolettos Mixed-Media-Arbeiten reale Spiegel mit Malerei oder Skulptur verknüpfen und so den jeweiligen Betrachter aktuell in den Bildinhalt einbeziehen.

Elke Krystufeks Bilder nach Spiegel-Selfies: Woman of Colour 1997, Belvedere, Wien (links) und Leopard Lily 1998 (rechts)

Für Elke Krystufek ist der Spiegel zunächst - wie für viele Künstlergenerationen davor, die sich des Spiegels bedienten, um Selbstporträts zu malen - ein Instrument; und weist dennoch weit über die profane Funktion hinaus: Die Künstlerin posiert entblößt vor einem Spiegel und macht dabei mit einer Kamera ein Selbstporträt. Die Fotografie dient als Vorlage für die großformatige Malerei. Das Foto wird schnell vor einem Spiegel gemacht und das Bild in nur wenigen Stunden auf die Leinwand übertragen. Die Verdoppelung und die Umkehrung des Motivs sind entscheidend: Durch das Auge der Kamera erblickt Krystufek sich selbst als Vis-à-vis im Spiegel und begegnet dem eigenen Blick. Die Künstlerin blickt nun aber auch von der Leinwand zurück auf den Betrachter. Sie ist alles in einem: die aktive Beobachterin und das passive Bild.

P.S. Dieser Artikel basiert zu einem großen Teil auf Texten der Kuratoren im Ausstellungskatalog (Agnes Husslein-Arco, Edelbert Köb, Thomas Mießgang (Hrsg.): Die andere Seite - Spiegel und Spiegelungen in der zeitgenössischen Kunst) sowie einem Essay von Bettina Vaupel ("Die Kunst des Widerscheins" (http://www.monumente-online.de/09/02/sonderthema/spiegel_barock_schloss.php?seite=1)

-> LINK zur Ausstellung "Die andere Seite" im Beveldere: http://www.belvedere.at/de/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen/die-andere-seite-e152596

Montag, 25. August 2014 um 16:57:33 von Kulturpool Redaktion

Lafayette - Menschenrecht und Warenhaus

Anlass
225.Jahrestag der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte

Wer heute den Namen Lafayette hört, denkt an Konsum - an den Pariser Warenhaustempel oder seine Berliner Filiale - kaum jedoch an Politik. Dass der milliardenschwere Kaufhauskonzern den Namen des wichtigsten Mitverfassers der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte trägt, ist purer Zufall. Das kleine Wäschemodengeschäft, aus dem später das weltbekannte Luxuswarenhaus hervorgehen sollte, wurde einfach nach der Straße benannt, in der es Ende des 19.Jahrhunderts seine Pforten öffnete. Die Ironie der Geschichte: Heute werden Konsumentenrechte tatsächlich oft wichtiger genommen als Bürgerrechte. Das Kaufhaus, nicht das Parlament, ist der Ort, den wir mit Freiheit verbinden: „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“, wie es uns der Marketingslogan einer bekannten Drogeriekette täglich einhämmert.

Zweimal Lafayette: Ein Portrait des Mitverfassers der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (links) und das Pariser Luxuskaufhaus "Galeries la Lafayette" (rechts)

Immerhin: In Frankreich und den USA erinnern nicht nur Kaufhäuser an den Marquis de Lafayette (1757-1834), den französischen General im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der den republikanischen Geist in Worte fasste, die noch heute die Grundlage unserer demokratischen Verfassungen sind. Nicht nur die Straße in Paris, in der das Wäschemodenhaus gegründet wurde, nicht nur eine französische U-Boot-Klasse, nicht nur zahlreiche Ortsnamen in fast jedem amerikanischen Bundesstaat. Vor dem Weißen Haus in Washington D.C. steht zu Ehren des Marquis de Lafayette auch ein Denkmal - und er ist einer der insgesamt nur sieben Ehrenbürger der Vereinigten Staaten von Amerika.

In Österreich erinnert - sieht man vom „Cafe Lafayette“ ab, das sich ausgerechnet in Bad Ischl, der Sommerresidenz der Habsburger, befindet - kaum etwas an diesen Pionier der Menschenrechte. Wobei „erinnert“ wohl schon zu hochgegriffen ist: Vermutlich weiß keiner der Stammgäste des als „Treffpunkt für Unterhaltungssuchende“ (Eigendefinition) geltenden Cafés mit dem Namen etwas anzufangen.

Clemens Wenzel von Metternich links auf einem Gemälde von Thomas Lawrence ca. 1820--1825 und Kaiser Franz I. (II.) im österreichischen Kaiserornat auf einem Gemälde von Friedrich von Amerling ca. 1832 (rechts)

Von Kaiser Franz II./I. (1768-1835) und seinem reaktionären Regime als Staatsfeind ersten Ranges wahrgenommen, wurde und wird Lafayette in Österreich bis heute totgeschwiegen: Ein paar Druckgrafiken in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek, das sind die einzigen materiellen Spuren, auf die man bei kursorischen Recherchen stößt.

Ein Schicksal das Marie Joseph Paul Ives Roch Gilbert du Motier, Marquis de la Fayette, Baron de Vissac (so sein vollständiger Name) „naturgemäß“ - wie Thomas Bernhard sagen würde - auch mit heimischen Vorkämpfern der Demokratie und Menschenrechte teilt. Mit Franz Hebenstreit etwa, mit Andreas Riedel oder Martin Siebenbürger. „Sie finden sich nicht im Bildungskanon; sie sind nicht Teil dessen, was in der Schule gelehrt und gelernt wird, ihr Andenken wird nicht gepflegt“, wie der Historiker Hubert Christian Ehalt schon vor einigen Jahren in einem Artikel in der „Presse“ klagte: „Nicht sie sind im kollektiven und kanonisierten Gedächtnis Österreichs verankert, sondern deren Bekämpfer und Zerstörer: Klemens Wenzel Lothar Metternich, Josef Wenzel Radetzky, Kaiser Franz II./I. u.a.“ (zit. http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/forumbildung/577134/Rehabilitierung-des-Demokraten-der-ersten-Stunde).

Die letzten beiden Jahre seiner Gefangenschaft in Olmütz teilte Lafayette mit seiner Frau Adrienne und seine beiden Töchtern, die aufgrund des jakobinischen Terrors aus Paris geflüchtet waren: Tompkins Harrison Matteson, Lafayette in Prison at Olmütz, 1795-97 - 1850. Courtesy of the Lafayette College Art Collection (links) und Hinrichtung Franz Hebenstreits 1795 am Schottentor - Autor und Quelle unbekannt (rechts)

Die Literaten, Philosophen und visionären Demokraten, die sich in der Folge der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776) und der Französischen Revolution (insbesondere der ersten Phase von 1789-1791) mit Zivilcourage auch in Österreich für eine neue Gesellschaft einsetzten, wurden denunziert, diffamiert, diskriminiert, ermordet, in die Emigration getrieben. Und bis heute nicht öffentlichkeitswirksam rehabilitiert.

Franz Hebenstreit (auch an ihn erinnert in Österreich ausschließlich ein Kaffeehaus - wenn in diesem Fall auch eines, in dem das Andenken an den Wiener Demokraten zumindest durch den „Republikanischen Club“ um den Schriftsteller Doron Rabinovici seit 1989 hochgehalten wird) wurde am 8. Jänner 1795 am Schottentor vor den Stadtmauern Wiens in Anwesenheit von angeblich 100.000 Schaulustigen gehängt (und noch heute zählt sein Schädel zu den wichtigsten „Exponaten“ des Wiener Kriminalmuseums, in dem viele Körperteile „hingerichteter Verbrecher“ (sic!) zu sehen sind); Andreas Riedel (der ehemalige Privatlehrer des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches und zugleich erster Kaisers von Österreich Franz II/I), damals 47 Jahre alt, wurde 3 Tage Am Hof in Wien an den Pranger gestellt und zu 60 Jahren schwerem Kerker verurteilt, aus dem ihn erst 1809 die französischen Armee unter Napoleon befreite.

"Déclaration des droits de l'homme et du citoyen" (Paris 1789) - Archives Nationales (links) und "Urtheil über den Landesverräther und Verführer Andreas Riedel" (Wien 1795) - Österreichische Nationalbibliothek (rechts)

Ein Schicksal, das auch den Marquis de Lafayette ereilte, der 1792 in Belgien von der konservativen Allianz aus Preußen und Österreich festgenommen und von 1794 bis 1797 als politischer Häftling der Donaumonarchie in Olmütz (Mähren) interniert war. Selbst die Intervention von George Washington, dem ersten amerikanischen Präsidenten, bei Kaiser Franz, Lafayette zu enthaften, blieb erfolglos. Das persönliche Schreiben Washingtons wurde vom österreichischen Kaiser nicht einmal ignoriert. Erst Napoleon erwirkte 1797 Lafayettes Freilassung.

Von den Österreichern gefangen genommen wurde Lafayette nicht als französischer General (also als Vertreter einer sich mit Österreich im Krieg befindenden Nation), sondern als Flüchtling vor den Jakobinern, die ihn zuvor in der Nationalversammlung zum Verräter an der Revolution erklärt hatten. Auf der Festung Olmütz wurde er demnach nicht als Kriegsgefangener sondern als Symbolfigur der amerikanischen und der Französischen Revolution interniert, als begeisterter Anhänger der amerikanischen Verfassungsgrundsätze und erfolgreicher Kämpfer an der Seite Washingtons im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der nicht müde wurde, alle Staaten aufzurufen, dem amerikanischen Beispiel zu folgen - und damit die personifizierten Bedrohung für die reaktionären Habsburger unter Franz II./I. war.

Schon während seines ersten Aufenthalts in Amerika freundete sich Lafayette mit George Washington an. Das Bild von Thomas Prichard Rossiter und Louis Rémy Mignot aus dem Jahre 1859 zeigt Washington und Lafayette bei einem Treffen am Mount Vernon anno 1784 - The Metropolitan Museum of Art, New York

Erst drei Jahre vor der Inhaftierung durch die Österreicher hatte Lafayette den Entwurf einer Menschenrechtserklärung vorgelegt, die er mit der Unterstützung von Thomas Jefferson (1743-1826), einem der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, damals Botschafter in Paris und später dritter Präsident der USA, erarbeitet hatte. Am 26. August 1789 verkündete die französische Nationalversammlung die auf Lafayettes Entwurf basierende Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen) und damit einen der Grundlagentexte, mit denen nicht nur die Demokratie und Freiheit in Frankreich begründet wurden, sondern der in der Folge auch die Basis vieler anderer demokratischer Verfassungen bildete.

Neben den unveräußerlichen Rechten der persönlichen Freiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz, der freien politischen Betätigung und der freien Meinungsäußerung, die schon in der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung festgeschrieben wurden, legte die französischen Nationalversammlung darüber hinaus auch die Pflichten des Staates fest. Höchstes Ziel des Staates sollte es sein, die genannten gesetzlich garantierten Freiheiten zu schützen. Sollte der Staat dabei versagen oder zu diktatorischen Zwangsmitteln greifen, billigte die Erklärung allen Staatsbürgern das Recht auf Widerstand zu.

Lafayette verfasste mit Unterstützung von Thomas Jefferson den Entwurf einer Menschenrechtserklärung, der die Basis für die am 26.August 1789 von der Französischen Nationalversammlung verkündeten "Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen" bildete. Links ein Portrait Jeffersons (Österreichische Nationalbibliothek) und rechts Lafayette in seiner Zelle in Olmütz (Marquis de Lafayette Collections, Skillman Library, Lafayette College, Art Colletion, USA)

In Österreich freilich sollten diese Ideen noch lange nicht Fuß fassen. Zwar wurden - mehr aus außenpolitischen Gründen (die Annäherung an Frankreich durch die Verheiratung von Napoleon mit der 19-jährigen Tochter Franz I., Marie Louise von Habsburg-Lothringen, die dem militärisch und wirtschaftlich unter Druck geratenen Österreich wieder Luft verschaffen sollte) - mit der Verfassung und Veröffentlichung des „Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches“ am 1.Jänner 1812 erste Schritte zu einem modernen Staat unternommen. Doch diese währten nicht lange.

Nach dem Untergang Napoleons lud Kaiser Franz I. zum Kongress nach Wien, wo 1814 über die Neuordnung Europas beraten wurde. Er hatte gewonnen. Napoleon war verbannt und der österreichische Kaiser herrschte über ein neues, gleichsam altes Österreich, denn nun konnte Franz I. „seine“ Ordnung - gemeinsam mit Klemens Wenzel Lothar, Fürst von Metternich (1773-1859) wiederherstellen und jegliche liberale Strömung mittels polizeistaatlichen Methoden unterdrücken. Metternich überlebte politisch auch die sog. Märzrevolution 1848, die die Habsburger zu Verfassungszugeständnissen gezwungen hatte, die der junge Kaiser Franz-Josef I. (1830-1916) schon 1851 wieder zurücknahm.

Der Marquis de Lafayette und seine geistigen Wiener Kombattanten um Franz Hebenstreit waren im Sisi- und Kaiser-seligen Österreich schon damals längst vergessen. Und auch 225 Jahre nach der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte werden sie hierzulande eher mit Kauf- und Kaffeehäusern assoziiert als mit bürgerlicher Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat