Fussball auf Radern
![]() | Anlass Fußballweltmeisterschaft 2014 |
Es gibt absurdere Dinge als 22 erwachsene Männer, die auf einem abgesteckten Rasen einem Ball hinterherrennen. Auch wenn Deutschland nicht gewinnt. Zum Beispiel acht Männer, die auf röhrenden Motorrädern sitzen und einem Ball hinterherfahren.
In Russland tun sie es in professioneller Manier. In wenigen anderen Ländern zumindest auf Amateurbasis: Vor allem in Frankreich, in Holland, in den baltischen Staaten sowie in Weißrussland und - natürlich in der benachbarten Bundesrepublik, wo heute 16 Clubs jedes Jahr eine Deutsche Meisterschaft austragen.
In Österreich treiben sie es nicht mehr, auch wenn heimische Männer einst zu den Pionieren der „schnellste Mannschaftssportart der Welt“ zählten. Die Rede ist von Motoball, auch Motorrad-Fußball genannt. Das belegt zumindest ein Bild des legendären österreichischen Sportfotografen Lothar Rübelt aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, datiert mit 1920. Und es straft die im Internet kursierende Mähr Lügen, dass diese seltsame Nischensportart erstmals in Frankreich der 1930er Jahre praktiziert wurde.
Motoball 1920 in Wien: Foto von Lothar Rübelt (Österreichische Nationalbibliothek)
In der UdSSR gab es Motoball seit dem Jahre 1937, als Studenten von der Moskauer Hochschule für Körperkultur und Sport dafür Interesse zeigten. Die ersten offiziellen Wettkämpfe wurden 1962 auf Initiative der Zeitschrift „Sa ruljom“ („Am Steuer“) ausgerichtet. Die ersten Meister waren Mitglieder der Mannschaft „Kometa“ aus der Stadt Elistà. Bei den jährlich ausgetragenen Europameisterschaften (an denen sich freilich nur wenige Nationen beteiligen) hat sich die russische Mannschaft bis heute als Seriensieger etabliert.
Glaubt man den spärlichen (und kaum überprüfbaren) Quellen, dann waren es aber wohl die Österreicher, die in den 1920er Jahren ein Motoball-Spiel zum ersten Mal als Nationalteam bestritten hatten - gegen Ungarn, wen sonst?
Ein Motoball-Team besteht übrigens aus 4 motorisierten Feldspielern und einem (nicht-motorisierten) Tormann. Auch die beiden Schiedsrichter müssen zu Fuß laufen und sich durch die über das Fußballfeld rasenden Maschinen der 250er Klasse schlängeln. Der Torwart genießt einen besonderen Schutz durch einen 5,75 Meter großen Halbkreis, den die Feldspieler nicht befahren dürfen und der Torwart seinerseits nicht verlassen darf. Bei dem Spielball handelt es sich um einen luftgefüllten Lederball mit einem Durchmesser von ca. 40 cm und einem Gewicht von 800 bis 900 Gramm. Er darf, wie beim Fußball, nur mit dem Fuß getreten werden; die Ballberührung mit dem Vorderrad gilt als „Hands“.
Ein Spiel geht über vier Viertel zu je 20 Minuten mit jeweils 10 Minuten Pausen, in denen die Motorräder repariert werden dürfen. Und die Spieler verarztet ….
Da das „normale“ Fußballspiel längst keine Männerdomäne mehr ist, dafür die Verletzungsgefahr hier immer noch deutlich höher, gilt Motoball als letztes mannschaftssportliches Refugium für „richtige Männer“ (siehe auch: http://www.youtube.com/watch?v=JbO6ynXuX1g).
Und das verleiht dem Begriff „Nischensportart“ noch einen ganz subtilen Nebensinn.