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Donnerstag, 20. März 2014



Donnerstag, 20. März 2014


Samstag, 8. März 2014 um 01:01:38 von Kulturpool Redaktion

Female Selfies

Anlass
Internationaler Frauentag

Eine kursorische Reise durch die Geschichte des weiblichen Selbstporträts würde derzeit hier enden: Bei Abermillionen Smartphones, auf Instagram-, Facebook-, Tumblr- und sonstigen Social Media Seiten: bei den Selfies, die - aktuellen Studien entsprechend - besonders bei Mädchen und jungen Frauen beliebt sind. Einer Untersuchung des renommierten Pew Research Center zufolge haben mittlerweile 91 Prozent der US-amerikanischen Teenager Fotos, die sie selbst zeigen, im Internet veröffentlicht. Das mobile Social Network „just.me“ (Slogan: „Making Apps that release the Real You“) hat sich überhaupt gleich auf Selfies spezialisiert.

Eines der ersten weiblichen Selbstporträts der Kunstgeschichte von Sofonisba Anguissola (1554) - aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museums, Wien

Auch das Forscherteam um den Informatiker Lev Manovich (vgl.http://selfiecity.net/) bestätigt, was der alltägliche Augenschein vermuten lässt: dass überproportional viele Frauen sich selbst fotografieren und Eigenporträts in sozialen Netzwerken veröffentlichen. Nicht nur Teenies von nebenan nutzen die diversen Kanäle zur Selbstinszenierung, auch Popsternchen, Models und immer mehr Künstlerinnen. Die Fotografin Flora P. hat das (erotische) Selfie zu ihrem - in sozialen Netzwerken kursierenden - Markenzeichen gemacht, die junge Künstlerin Anouk Lamm Anouk porträtiert sich regelmäßig selbst mit ihren Arbeiten und wird via Facebook so auch als Person Teil ihres Werkes.

Der Verdacht, dass die Abermillionen Selfies der Output einer stark narzisstisch veranlagten Generation “Smartphone” sind, ist schnell ausgesprochen. Eine Studie der Universität in Buffalo aus dem Jahr 2011 legt nahe, dass insbesondere Frauen, die ihr Selbstwertgefühl auf ihrem Aussehen gründen, mehr Fotos von sich online stellen und Social Networks intensiver nutzen. Die amerikanische Psychologin Pamela Rutledge dagegen meint, dass diese Selbstdarstellung durchaus auch positive Effekte haben kann. Es gehe nicht nur darum, dass man Rückmeldungen von anderen bekommen will. Vielmehr sei es eine Art sich selber zu entdecken und nach seiner Identität zu suchen, herauszufinden, wer man ist und wie man wahrgenommen werden will.

Zeitgenössische Kunst-Selfies - Foto oben: Anouk Lamm Anouk fotografiert sich mit einer ihrer Arbeiten (2014) - Foto unten: Flora P. auf einem Selfie aus der Serie Croatia (2012)

Obwohl ein Begriff des Internetzeitalters ist das Selfie jedoch nichts wirklich Neues. Schon Anastasia Nikolaevna, die Tochter des letzten russischen Zaren, hat sich als 13jährige mit der legendären Kodak Brownie Box mithilfe eines Spiegels selbst fotografiert und das Bild ihrem Freud geschickt. Und das künstlerisch avancierte Selbstporträt gehört spätestens seit der Renaissance zum festen Bestandteil künstlerischer Arbeit; denken wir an Dürer oder Rembrandt, van Gogh, Cézanne oder Schiele.

Selbstporträts von Frauen freilich sind weit weniger bekannt, obwohl es sie ebenso seit mehr als 600 Jahren gibt. Mit dem 1554 datierten Selbstbildnis der italienischen Künstlerin Sofonisba Anguissola zum Beispiel besitzt das Wiener Kunsthistorische Museum ein Porträt, das nicht wesentlich jünger ist als das sogenannte „Selbstbildnis im Pelzrock“ von 1500, mit dem Albrecht Dürer als Vorreiter des „unverhüllten“ Selfies in die Kunstgeschichte eingegangen ist.

Der Begriff „Selbstporträt“ freilich manifestiert sich erst im 19. Jahrhundert. Damit einher geht die zunehmende Bedeutung der Befragung des Ichs, was sich neben Erscheinungen in der bildenden Kunst auch im Aufkommen der modernen Psychologie zeigt. Die Motivation für die Gestaltung eines Selbstbildnisses ist naturgemäß je nach Künstler individuell verschieden und auch von historischen Aspekten geleitet. Es lassen sich jedoch einige Gründe dafür herausstellen, ein Selbstporträt zu machen: Künstler tauschen als Zeichen gegenseitiger Wertschätzung Selbstporträts aus. Ein Selbstporträt kann Zwecke der Werbung erfüllen (wenn ein Kunde ins Atelier kommt, sieht er gleichzeitig das Modell und kann vergleichen) oder - und dies trifft vor allem für Frauen zu, die ja lange Zeit keine Möglichkeit hatten, eine professionelle Ausbildung als Malerin zu absolvieren - schlicht zur eigenen Übung gemacht werden.

Selbstporträts von Artemisia Gentileschi (1638) aus der Royal Collection/Windsor Castle (Foto: Anthony Bond) und Rembrandt Harmensz van Rijn (1652) aus der Gemäldesammlung des Kunsthistorischen Museums.

Sofern es eine Frau durchgesetzt hatte, Künstlerin zu werden und zu sein, und sie ein Selbstporträt malte, hielt sie sich meist an einen Themenkatalog, der an den gesellschaftlichen Rahmen angepasst war: Frau in der Gesellschaft, Frau als Mutter, vor allem aber auch Frau als vielseitig musisch Begabte. Zahlreiche Künstlerinnen stellten sich daher in ihren Porträts selbst als Malerinnen vor der Staffelei dar: Henriette Lorimier 1801, Marie-Guillemine Benoist 1790, Artemisia Gentileschi 1638 und Catharina van Hemessen schon anno 1548. Da es Frauen bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht erlaubt war, Akademien zu besuchen und dort die Malerei von Grund auf zu erlernen, war für sie das Selbstporträt oft der Weg, um als Künstlerin Anerkennung zu erhalten.

Weibliche Selbstporträts als Künstlerinnen (von links nach rechts): Angelika Kaufmann (ca. 1770; National Portrait, Gallery London), Catharina van Hemessen (ca. 1527; Kunstmuseum Basel), Henriette Lorimier (1801)

Ein weibliches Selbstbildnis ausführen hieß meist auch, die Kluft zu überbrücken zwischen dem, was die Gesellschaft von Frauen, und dem, was sie von Kunstschaffenden erwartete. Das Problem – oder auch die Herausforderung – für die Frauen bestand darin, dass diese beiden Erwartungshaltungen einander diametral entgegengesetzt waren. Sie reagierten darauf mit kreativer Verteidigung. Sie wollten zeigen, dass sie ebenso gut waren wie ihre männlichen Kollegen, mussten sich jedoch hüten, stolz darauf zu wirken. Sie wollten sich bei der Arbeit zeigen, durften dabei aber in keiner Weise besonders auftreten, um ja nicht zu riskieren, dass man ihre Erscheinung oder ihre Moral kommentierte.

Viele weibliche Selbstporträts bis ins 19.Jahrhundert zeigen daher, wie sich die Frauen anstrengten, um die Anforderungen der Gesellschaft an Weiblichkeit zu erfüllen und gleichzeitig glaubwürdig ihre Professionalität darzustellen. Immer wieder kamen sie auf die Motive Anspruch auf einen Platz in der künstlerischen Tradition, musikalische Begabung, Mutterschaft, Liebreiz und Attraktivität zurück. Im 20. Jahrhundert wurden diese Themen direkter angegangen und einige neue aufgegriffen: Schmerz, Sexualität, ethnische Zugehörigkeit, die gesellschaftliche Stellung und Rolle der Frau, Krankheit und Tod.

Am bekanntesten sind bis heute wohl die Selfies von Frida Kahlo (1907-1954): 55 von den insgesamt 153 Bildern der mexikanischen Malerin sind Selbstporträts, in denen sie ihr Leben und Leiden verarbeitete. Bei einem Rundgang durch die Kunstmuseen und Archive dieser Welt würde man aber auf unzählige andere weibliche Selbstbildnisse stoßen, von Marie-Denis Villers über Käthe Kollwitz, Amrita Sher-Gil und Angelika Kaufmann bis Ilka Gedö oder Maria Lassnig.

Ein bahnbrechendes Novum in der Geschichte künstlerischer Selbstporträts geht vermutlich auch auf das Konto einer Frau: Als Pionierin der Moderne legte Paula Modersohn-Becker (1876-1907) mit ihren Selbstakten den Grundstein für die Aktmalerei der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Noch vor Richard Gerstl (1908) und Egon Schiele (1910) hatte sie bereits 1906 in einem nahezu lebensgroßen Gemälde eine Selbstinszenierung als Ganzkörperakt vorgenommen und sich damit einem zu diesem Zeitpunkt kaum bekannten und durchaus brisanten Bildthema zugewandt. Denn auch unter männlichen Künstlern war ein Selbstakt damals eine Seltenheit. Und noch heute scheint der Selbstakt eine weibliche Domäne zu sein.

Links: Paula Modersohn-Beckers "Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag" (1906) ist vermutlich der erste weibliche Selbstakt der Kunstgeschichte (aus der Sammlung des Paula Modersohn-Becker Museums, Bremen). Mitte: Chantal Wicki reflektiert mit ihrem mit Nagellack gemalten Selbstbildnis "Medusa happy" die weibliche Identität auch materialtechnisch (im Besitz der Künstlerin). Rechts: "Zweifel", ein Selbstporträt von Maria Lassnig (2004/2005; Privatbesitz, Foto: Hauser & Wirth)

Dabei dient der Spiegel unabhängig von Epochen bis in die Gegenwart als essentielles Hilfsmittel. Die reflektierende Fläche, die bereits eine Verwandtschaft zum künstlerischen Medium in sich birgt, wird benötigt, um sich selbst als Künstlerin bei der Arbeit wahrzunehmen. Mit dem Aufkommen der Fotografie avancierte dann auch die Kamera zum Spiegel.

In der Fotografie fanden Frauen, wie Anna Wondrak in ihrer profunden Studie „Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierung“ schreibt, „eine perfekte Möglichkeit, sich jenseits der von Männern beherrschten Lehrstätten künstlerisch mit dem eigenen Ich auseinander zu setzen. Als leicht und eigenständig erlernbares Handwerk avancierte die Fotografie schnell zum neuen Medium der Selbsterforschung, in dem sich Frauen in Rollenspielen und Maskeraden inszenierten und Klischees und Stereotypen weiblicher Repräsentation in Frage stellten und untersuchten.“

Sarah Lucas provoziert in ihrer Serie "Self Portraits" (1990-1998) den Betrachter mit männlichen Posen (li.), Valie Export bricht mit Hilfe des eigenen Körpers mit der in der Gesellschaft verbreiteten Auffassung von Frau ("Selbstporträt mit Stiege und Hochhaus") und Cindy Sherman inszeniert und bricht mit ihren Selbstporträts weibliche Klischees (re.)

Ab etwa 1920 kommen neue Stilmittel zum Einsatz. Künstlerinnen wie Florence Henri, Germaine Krull oder Hanna Höch arbeiten mit ironischen Anspielungen, Überblendungen oder gezielten Inszenierungen in Rollenspielen. In Abwendung von der klassischen Bildauffassung betreten sie neue Wege auf der Suche nach Identität. Durch Spiegelungen verdoppelte Selbstportraits sowie Mehrfachbelichtungen deuten auf einen definitiven Wandel des Frauenbildes in der Gesellschaft hin. Mit dem Aufkommen des feministischen Diskurses in den 1960er und 1970er Jahren wurde - in Österreich vor allem von Valie Export (geb. 1940) - auch der Objektstatus der Frau genau untersucht und kritisiert. Die Grenzen zwischen eindeutigen Rollen von Mann und Frau in der Gesellschaft verwischten (u.a. in den Arbeiten von Pipilotti Rist, Monica Bonvicini oder Sarah Lucas), was auch ein steigendes Interesse an der Zuweisung von sexueller Identität zur Folge hatte und das Bild der Frau stets neu - und auch jenseits des „männlichen Blicks“ - konstruierte.

Donnerstag, 20. März 2014 um 18:01:19 von Kulturpool Redaktion

Die Fruchte der Erde

Anlass
„Viel Frucht“ - Psalm-Festival 2014 in Graz

Was ist eigentlich Kultur? Im ursprünglichen Sinne meint das Wort nichts anderes als: Ackerbau. Das Wort Kultur ist eine Eindeutschung des lateinischen Begriffs cultura, der eine Ableitung von lateinisch colere „pflegen, urbar machen, ausbilden“ darstellt. Dass der ursprünglich aus der Landwirtschaft stammende Begriff inzwischen für alle menschlichen Gestaltungskräfte steht, ist kaum verwunderlich. Denn der Anbau und die Zucht von Pflanzen ist eine der frühesten menschlichen Großtaten und steht am Beginn der Entwicklung unserer Hochkulturen. Sieht man von Wendungen wie Kulturland für Ackerland oder Kultivierung für Urbarmachung ab, scheint uns dieser engen Durchdringung von Landbau und Kultur heute jedoch kaum noch bewusst.

„Marmorfrüchte“ eines unbekannten Künstlers aus dem 16.Jahrhundert: Typisch für den Illusionismus der Spätrenaissance und des Manierismus ist die verblüffend naturalistische Fertigung der Früchte, die in Größe, Form und Farbe das Naturvorbild täuschend echt nachahmen. Stängel und Fruchtstände aus Metall sowie gemalte faule braune Stellen ergänzen dabei die Darstellungsmöglichkeiten der Steinschneidekunst, die im 16. Jahrhundert einen neuen Höhepunkt erreichte. Ob die Marmorfrüchte reine Kunstkammerstücke waren, ist nicht völlig geklärt. Möglicherweise wurden sie auch als Scherzgegenstände unter echtes Obst gemischt und dienten so zur Täuschung und Unterhaltung der Gäste bei fürstlichen Festen, oder man verwendete sie als öfter einsetzbaren, also kostengünstigen Tischdekor.

In der deutschen Sprache ist Kultur erst seit Ende des 17. Jahrhunderts belegt und bezeichnet hier von Anfang an sowohl die Bodenbewirtschaftung als auch die „Pflege der geistigen Güter“. Und doch hat die „Pflege der geistigen Güter“ in der Kunstgeschichte den Acker- und Obstbau selbst immer wieder thematisiert: In der Literatur, der Philosophie, der Musik, vor allem in der Bildenden Kunst. Die Früchte des Bodens waren seit Jahrhunderten die Keimzelle vieler großer Werke, von der Antike bis heute.

Der Mailänder Giuseppe Arcimboldo (um 1526 - 1593) ist der Urheber zahlreicher gemalter Evergreen-Hits aus Früchten und Gemüsen: Tafelbilder, auf denen er Blumen, Früchte oder Gemüse darstellte und daraus überraschende Porträts komponierte. Hier ein Umkehrbild: Um 180 Grad gedreht wird aus der Schale mit Gemüsen der „Gemüsegärtner“. 

Die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Landwirtschaft, zwischen Fruchtbarkeit und Kunst, stehen heuer - nicht zuletzt aus aktuellem Anlass - im Zentrum des Grazer Psalm-Festivals: Das politische Ringen um die Erhaltung des Reichtums an biologischen Arten, der heute durch die Versuche von Normierung und Patentierung bedroht bedroht ist.

Mit Fruchtbarkeit assoziierte Götter und Göttinnen zählen seit der Antike zu immer wiederkehrenden Motiven in der Kunstgeschichte: Links die Göttin Demeter auf einem Fresco von Cosimo Tura im Palazzo Schifanoia in Ferrara aus dem 15.Jahrhundert, rechts: „Bacchus, Ceres und Amor“ von Hans von Aachen (um 1600).

Unter dem diesjährigen Motto „Viel Frucht“ gibt es zahlreiche Konzerte von kleinasiatischen Volksliederm von Früchten und Fruchtbarkeit über irische, schottische und englische Folk-Musik rund um die Früchte der Erde bis zu Johann Sebastian Bachs „Bauernkantate“.

Der Wachstums- und Gartengott mit der Göttin der Baumfrüchte: „Vertumnus und Pomona“ (von Adriaen van de Velde, 17.Jahrhundert) 

Unzählige Kunstwerke, die den Acker- und Weinbau, Obst und Gemüse, die Ernte sowie die Verehrung der Schutzgötter zum Gegenstand haben, gehören auch zu den wertvollsten oder historisch bedeutsamsten Werken in den reichhaltigen Sammlungen österreichischer Museen.

„Sommer (Kornernte)“ von Johann König (17.Jahrhundert)

-> http://styriarte.com/psalm/

Montag, 31. März 2014 um 16:32:39 von Kulturpool Redaktion

Die Musicbox

Anlass
Archivpiraten stellen 29 Mitschnitte des Ö3-Kultmagazins auf YouTube online

„Wenn um 15 Uhr, präziser: fünf Minuten nach 15 Uhr, die Signation der ‚Musicbox‘ ertönte,“ erinnert sich Walter Gröbchen, langjähriger Redakteur des legendären Radiomagazins, „schaltete halb Österreich auf die Regionalwellen um. Die andere Hälfte aber lauschte entweder gebannt oder irritiert dem Wort- und Musikschwall, der da folgte.“ Die Musicbox war Kult; „die einzige vernünftige Sendung, die je auf Ö3 lief“, wie in einem Kommentar zu einer Ausstellung im Wien Museum über einen anderen Redakteur der Sendung, Werner Geier, zu lesen war: „Radio, wie's sein soll: geistreich, witzig, kontrovers, informativ, horizonteröffnend“.

Die Musicbox war der Stachel im Programm des Referenzsenders einer sicher immer mehr ausbreitenden Positivgesellschaft, der die glatte Kommunikation des Gleichen störte. Sie erzeugte eine Negativspannung, die den Geist der Nicht-Umschaltenden-Ö3-Hörer - 27 lange Jahre - lebendig hielt: Nicht nur mit Musik sondern auch durch die kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Ausstellungen, Büchern, Kinofilmen, Popkonzerten und mit gesellschaftlichen Diskussionen. Sie stellte damit fast das einzige Bindeglied des ORF zu jugend- und subkulturellen Themen dar.

Gruppenbild der Programmgestalter und Disc Jockeys des neuen Senders Ö3 u.a. mit Andrè Heller und Ernst Grissemann. Foto aus der Zeitschrift „Bravo“ aus dem Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek.

Ältere Hörer, die mit der „Musicbox“ in den 1970er-Jahren aufgewachsen sind, erinnern sich noch an die unverkennbare Signation: Sie bestand aus den ersten 7 Sekunden von James Browns „Choo-Choo (Locomotion)“ gefolgt von „Speed Kills“ (aus der LP „Stonedhenge“ von Ten Years After), das vom Geräusch einer Lokomotive geprägt wird, das von einem Stereokanal in den anderen wechselte, bis das Ganze lautstark durch einen Lokomotivenpfiff bzw. ein Lokomotivsignal beendet wurde. Auch die ab Mitte der 1980er Jahre verwendete Signation (ein von Holger Hiller bearbeiteter Ausschnitt des Songs „Yü-Gung“ der „Einstürzenden Neubauten“) war kaum weniger einprägsam.

Die „Box“ (wie sie von Fans genannt wurde) hatte eine über das ganze Bundesgebiet verstreute eingeschworene Fan-Gemeinde, die aus Gymnasiasten, Studenten, Künstlern, Aussteigern und jungen Angestellten bestand. Namen wie Wolfgang Kos, Michael Schrott, Günter Brödl, Werner Geier, Eberhard Forcher, Martin Blumenau und natürlich (in der Ur-Zeit der Musicbox) Andre Heller sind ebenso fixe Begriffe in der Sozialisierungs-Historie einer Generation wie „Die komplette LP“ oder - ebenfalls in den 1970er Jahren - die Schwerpunktsendungen über stilprägende musikalische Aussenseiter wie John Cale, Kevin Coyne oder Nick Drake, aber auch über Stars wie The Kinks, The Cream, Bob Dylan oder The Rolling Stones.

Die „Musicbox“ machte es sich zur Aufgabe, Pop abseits des Ö3-Mainstream gleichzeitig zu transportieren und zu reflektieren. Sie war in den Anfangsjahrzehnten des österreichischen Radiosenders Ö3 für viele junge Menschen das prägende Radio-Magazin. Viele, die die zwischen 15:05 und 16 Uhr ausgestrahlte Sendung nicht live hören konnten, nahmen sie eigens auf Musikkassete auf, um die werktägliche Sendung zeitversetzt anhören zu können.

Über diesen Weg hat sich auch die eine oder andere Sendung auf einem winzig kleinen Youtube-Kanal ins digitale Zeitalter gerettet. Auf eichkatzerlvomgrund finden sich 29 Mitschnitte der „Musicbox“, „dem hardlinigen musikalischen Befehlsausgeber der 70er, 80er und auch noch 90er Jahre, der lange Zeit lang einzigen Medien-Quelle für neue und gewagte Musik, der ebenso einzigen Diskurs-Plattform zur populären Kultur.“ (Martin Blumenau). Festgehalten durch eine antike Aufnahmetechnik und abgespeichert in einem artfremden optischen Medium, können sich Interessierte noch heute einen Eindruck von der legendären Radiosendung machen - zumindest wie sie sich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre anhörte.

Screenshot von der Website der Österreichischen Mediathek: „Patina - Kostbares und Kurioses aus dem Archiv, Nr. 61 - Jugendsendungen (1996)“ - www.mediathek.at

Die Mitschnitte konzentriert sich auf die Hohe-Zeit des lauten weißen Underground-Rock-Widerstands dieser Tage. Bands wie The Jesus And Mary Chain, Hüsker Dü, Crime & the City Solution oder die Meat Puppets, der Gun Club oder Henry Rollins, aber auch heute als Giganten akzeptierte damalige Außenseiter wie The Smiths oder The Cure waren die musikalischen Speerspitzen einer widerständigen Grundhaltung, die Repräsentanten von Aufmüpfigkeit, eine sichere Garantie für völliges Unverständnis einer Mehrheits(hörer)gesellschaft.

Früher oder später musste diese Irritation eliminiert werden. Das „kulturelle Grundnahrungsmittel“ einer vergleichsweise kleinen Hörergemeinde (das unzählige Kulturschaffenden der nächsten Generation ernährt hatte) sollte im Sortiment des Radiosupermarktes Ö3 schließlich keinen Platz mehr finden. Durch die 1993 im Zug der Ö3-Reform erfolgte Verlegung des traditionellen Nachmittag-Sendetermins in den späten Abend verlor die „Box“ auch viele Stammhörer. Die schwindenden Hörerzahlen wurden denn auch gegen das seit jeher umstrittene Minderheiten-Angebot ins Treffen geführt. Die Umstellung von Ö3 auf Formatradio-Flächen und die Erweiterung der ORF-Senderkette um den „Alternative Mainstream“/Jugendkultur-Sender FM4 brachte schließlich das unvermeidbare Ende. Die letzte „Musicbox“ ging am 13. Jänner 1995 über den Äther.

Bis heute sind die Musikbox-Sendungen, die ein zentraler, kulturhistorisch wichtiger Bestandteil des Österreichischen Kulturerbes sind, - abgesehen von den genannten YouTube-Mitschnitten - für die Öffentlichkeit nicht zugänglich; nicht nur aus urheberrechtlichen Gründen, sondern auch weil der ORF seine Archivschätze nur kommerziell vertreiben möchte oder sie - für wissenschaftliche Zwecke - nur einem sehr begrenzten Personenkreis nützen lässt. Die Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte stellt ausschließlich für Studierende und WissenschafterInnen der Universität Wien via ORF-Archiv-Außenstelle Zugang zum seit 1955 gesendeten und digital vorhandenen Material zur Verfügung. Einzige Ausnahme bilden die Ö1-Hörfunkjournale der Jahre 1967-1999, die in digitalisierter Form über die Österreichische Mediathek für die Öffentlichkeit auch online zugänglich sind (http://www.journale.at/die-oe1-hoerfunkjournale-1967-1999/).

-> http://www.oesterreich-am-wort.at/treffer/atom/136B9CDC-017-02C78-00000904-136AFAF1/

-> http://gosong.net/musicbox_oe3.html

-> http://www.youtube.com/watch?v=uNEvBFzsGlk