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Donnerstag, 30. Januar 2014



Dienstag, 7. Januar 2014


Dienstag, 7. Januar 2014 um 23:42:56 von Kulturpool Redaktion

Engel und Opfer

Anlass
Ausstellung "Kinder, wie die Zeit vergeht!" in der Österreichischen Nationalbibliothek

„Leuchtende Augen, unbeschwerte Kindertage, aber auch der frühe Ernst des Lebens“ – die aktuelle Ausstellung "Kinder, wie die Zeit vergeht!" präsentiert im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek „die schönsten, amüsantesten und berührendsten Kinderfotos“ aus den reichhaltigen Beständen. Zum Teil noch nie gezeigte Atelier- und Pressefotos, aber auch Privataufnahmen von Buben und Mädchen lassen nicht nur die Zeit von zirka 1870 bis in die 1970er Jahre aus einer ganz besonderen Perspektive wieder lebendig werden. Vor allem geben sie - wie die Kinderbilder der gesamten Kunstgeschichte - Zeugnis vom Blick der Erwachsenen auf die Kindheit. Ein Blick, der überwiegend von Projektionen geprägt ist, seien es pädagogische, religiöse, sexuelle, politische oder ökonomische.

In Anbetracht der derzeit überstrapazierten Debatte über pädophile Kunst, die anlässlich der beiden New Yorker Balthus-Ausstellungen im Metropolitan Museum of Art und in der Gargosian Gallery auch im deutschen Feuilleton tobte, wirkt die Ausstellung in der Wiener Nationalbibliothek fast als heilsames Korrektiv. Sie zeigt - ohne es darauf angelegt zu haben - dass sich die „Benutzung“ der Kinder in der Kunstgeschichte (die Fotografie mit eingeschlossen) nicht nur in ihrer Sexualisierung erschöpft - und dass in der Sexualisierung meist nicht einmal die folgenschwerste Form des „symbolischen Missbrauchs“ zum Ausdruck kommt.

„Infantin Margarita Teresa“ (Tochter des Philipp IV. von Habsburg Spanien) aus der Werkstatt von Diego Rodríguez de Silva y Velázquez, um 1664 (Foto: Kunsthistorisches Museum Wien) und „Kronprinz Rudolf“ (Sohn von Kaiser Franz Joseph, in Oberstuniform des 19. Infanterieregiments), 1861 (Foto: Ludwig Angerer/Nationalbibliothek Wien)

Vor dem Ende des 18. Jahrhundert existierte das Kind in der Kunstgeschichte als eigenständiges Thema fast überhaupt nicht. Es erschien symbolisch oder allegorisch als Amor, Putte (eine kindliche Knabenfigur, die nackt oder nur spärlich bekleidet und oft mit Flügeln versehen ist) und als Engel; oder es tritt als Miniaturerwachsener auf, wie in der Darstellung junger Götter, Kron- und anderen Prinzen, oder - im Christentum - als Jesuskind, das in der mittelalterlichen Kunst als Prototyp, als Urmotiv des Kindlichen galt und die Art der Kinderdarstellung bis ins 15. Jahrhundert hinein festgelegt hat.
Die Eingabe „Kind“ in der Suchfunktion von kulturpool liefert an die 1.800 Objekte, die überwiegende Mehrheit unter Titeln wie „Maria mit Kind“, „Madonna mit Kind“ u.ä., gefolgt von Kinderporträts Adeliger, insbesondere jener von Diego Velázquez und Anton van Dyck, den erfolgreichsten Hofmalern der Habsburger.

Mit dem Aufkommen der europäischen Romantik änderten sich langsam die Kinderdarstellungen. Um 1800 begannen Künstler wie William Blake, Louis Leopold Boilly und Phillip Otto Runge Kinder als Individuen darzustellen, losgelöst von ihrem früheren symbolischen Ballast. Das Erscheinungsbild des „neuen“ Kindes war eines das Unschuld versprach, Freiheit und Neugier. Da das Kind nun aber sterblich gemacht worden war, zeigen die Bilder auch Emotionen, Sexualität und die Aussicht auf Schmerz, Leid und Tod. Deutlich etwa in den frühen Fotos von Lewis Carrol (Charles Dodgson) mit seiner Verehrung weiblicher Adoleszenz oder in Gemälden von Edvard Munch mit seinen Darstellungen von Leid und sexuellem Erwachen, ganz zu schweigen von den lasziv lüsternen Bildern Balthasar Klossowski de Rom‘s (vulgo: Balthus) oder vielen Arbeiten Gottfried Helnweins, die Kinder gequält von körperlichem oder seelischen Schmerz zeigen.


Ein nackter, dunkel geflügelter Amor in Gestalt eines ungefähr zwölfjährigen Knaben, Caravaggios berühmtes Gemälde „Amor als Sieger“, 1602 (Foto: Staatliche Museen zu Berlin) und ein anonymer weiß geflügelter Amor (rechts)

Seit je zeigen Kinderbilder eben nicht nur Kinder. Kinderbilder zeigen in erster Linie das Verhältnis der jeweiligen Kultur zur Kindheit und machen dadurch retrospektiv ihren Umgang mit dem Kindsein nachvollziehbar. Vordergründig nebensächliche Details wie Mimik und Gestik der Abgebildeten, Bildkomposition, Kleidung und Requisiten sind nicht zufällig, sondern inszeniert. Besonders die in der Ausstellung der Nationalbibliothek zu sehenden Atelieraufnahmen von Kindern der 1870er bis 1890er Jahre wirken extrem standardisiert und vermitteln dadurch deutlich ein Bild von den Rollen, die Buben und Mädchen als späteren Erwachsenen zugedacht waren.

Mädchen als zukünftige Hausfrauen und Mütter werden häufig sitzend und passiv abgelichtet, während Bilder von Buben in lässiger Pose oder strammstehend den späteren Soldaten, Unternehmer, Haushaltsvorstand und Vormund der Ehefrau vorwegnehmen. Die Konstruktion und Reproduktion solcher Geschlechterrollen wird bis hin zu den Requisiten augenscheinlich: Buben bekommen Holzpferde, Peitschen, Gewehre und Trommeln beigegeben, Mädchen müssen sich hingegen mit Puppen, Fächern und Blumen "begnügen". Selbst die Benachteiligung von Frauen in Politik und Bildung lässt sich an diesen frühen Kinderfotografien ablesen: Militärische Uniformen oder Bücher als Symbol des Intellekts findet man nur auf Bubenbildern.

Plakat zur Ausstellung „Balthus Cats and Girls---Paintings and Provocations“ im Metropolitan Museum of Art, New York (2013/2014)

So etwa das Bild eines Dreijährigen, gekleidet in der Oberstuniform eines Infanterieregiments, der ernst und unsicher in die Kamera blickt. Es zeigt Kronprinz Rudolf (1858--1889), Sohn von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth. Das Foto von 1861 steht ganz in der Tradition höfischer Kinderporträts seit dem 17.Jahrhundert, die Prinzen und Prinzessinnen als kleine Erwachsene (mit Blick auf ihre spätere Rolle im Leben) zeigten. Das Foto ist aber nicht nur Projektion. Es ist - glaubt man den Biografen - zugleich Abbild der Lebenswirklichkeit des Kindes Rudolf, die von militärischer Erziehung und eiserner Disziplin geprägt war: Von stundenlangem Exerzieren bei jedem Wetter und nächtlichen Pistolenschüssen, die Rudolf schwer traumatisiert haben.

Die Vermutung liegt nahe, dass Rudolfs Traumatisierung (und die zahlreicher anderer Kinder, die auf den in der Ausstellung gezeigten Fotos in Uniformen und mit Waffen zu sehen sind) schwerwiegender war als jene der kleinen Thérèse Blanchard, die Balthus in den 1930er Jahren für seine „Girls and Cats“-Serie Modell saß; oder jene der kleinen Anna Wahli, die der hochbetagte Maler in den 1990er Jahren für seine Polaroids zu erotischen Posen anhielt, um begehrende Fotos einer Pubertierenden zu schießen.

„Alice Liddell als Bettelmädchen“, Foto aus den späten 1850er Jahren von Lewis Caroll (links) und „Sohn des k.u.k. Oberst Otto Freiherr Ellison von Nidlef“ in militärischer Adjustierung an der Dolomitenfront, 1915 (Foto: k.u.k. Kriegspressequartier/Nationalbibliothek Wien)

Skandalisiert, zumindest inkriminiert aber werden heute meist nur erotisch suggestiv wirkende Kinderbilder. In Balthus‘ „hermetischen Kammerspielen“ etwa erblickt die zeitgenössische Rezeption (z.B. ein Rezensent in der „Neuen Zürcher Zeitung“) „eine potentielle Gewalt“, während Fotografien von Kindern in Uniformen und mit Waffen mit nostalgischer Rührung betrachtet werden.

Ein Foto des k.u.k. Kriegspressequartiers von 1915, das den Sohn eines Obersts in Uniform auf dem Blindgänger einer italienischen Granate posieren lässt, mag zwar auch auf heutige Ausstellungsbesucher durchaus verstörend wirken, auf die Idee, es aus der Ausstellung zu verbannen und wegzuschließen, käme - anders als bei Balthus‘ Polaroids - wohl kaum jemand. Seit der sexuelle Missbrauch überall zu lauern scheint, wo nackte Mädchen und Jungen zu sehen sind, geraten auch die Museen unter verschärfte Beobachtung. Und wer zielgerichtet sucht, dem erscheint die Kunstgeschichte ganz schnell als eine Geschichte der Pädophilie.

Immer wieder sind in der Kunstgeschichte nackte Präpubertierende gezeigt worden, ob ins Allegorische oder Surreale entrückt oder unverhohlen als sexuelle Wesen. Wenn man mit dem Aussortieren anzüglicher Kinderdarstellungen erst einmal anfängt, wird es schwer, eine Grenze zu ziehen. Denn wo beginnt das pornografisch Lüsterne? Bei den seit der Antike bekannten kindlichen Eros-Figuren oder bei den Fotografien von David Hamilton („The Age of Innocence“), Sally Mann, Jacques Bourboulon oder Jock Sturges? Wo endet die romantische Nymphophilie, die aus den Gedichten eines Heinrich Heine oder Hermann Hesse spricht, und wo beginnt das pädophile Begehren, das man Balthus nun attestiert? „Kann man“, so fragt ein Rezensent der „Zeit“, „Caravaggios Lustknaben noch zeigen, wo es doch so viele Gerüchte gibt, wie sehr er sie liebte? Muss man Paul Gaugins Werk wegsperren, wenn man weiß, dass er eine 13-Jährige zur Heirat verführte? Muss man „Alice im Wunderland“ in den Giftschrank sperren, weil Lewis Carrol mit seiner Kamera immer wieder nackten Mädchen auf den Leib rückte?“

Und ein wenig weiter gefragt: Besteht der Skandal der nun in New York gezeigten Polaroids der jungen Anna Wahli darin, dass Balthus sie zu erotischen Posen anstiftete, ehe er den Auslöser drückte? Oder besteht er darin, dass das Lustobjekt des greisen Malers 20 Jahre später zum Schauobjekt für gaffende Ausstellungsbesucher und empörte Kritiker mutiert? Und wie verhält es sich mit den nun in Wien zu
sehenden Fotografien von in Uniformen gezwängten und bewaffneten Buben, an denen sich die Väter und Onkel im Dienste der k.u.k.Armee so „erfreuten“? Und wie mit unserem verharmlosenden („Der frühe Ernst des Lebens“) Blick auf sie?

Donnerstag, 30. Januar 2014 um 21:49:52 von Kulturpool Redaktion

Das Grosse Museum

Anlass
Welt-Premiere des Kinodokumentarfims „Das Große Museum“ bei der Berlinale 2014

Das Kunsthistorische Museum in Wien zählt zu den größten und bedeutendsten Museen der Welt. Es wurde 1891 eröffnet und ist mit jährlich um die 1, 4 Millionen Besucher das weitaus meistbesuchte Museum Österreichs. Es beherbergt unzählige bedeutende Kunstwerke österreichischer und internationaler Provenienz (von Albrecht Dürer bis Cararvaggio, von Peter Paul Rubens bis Jan Vermeer) und ist sowohl als Gebäude als auch als Sammlungsort ein zentraler Teil des europäischen Kulturerbes. Nicht nur die Bestände des Museums werden laufend digitalisiert (und somit den Kunstinteressierten via kulturpool und Europeana weltweit zugänglich gemacht); nun liegt auch das Gebäude, das die Handschrift des großen Neorenaissance-Architekten Gottfried Semper trägt und mit Werken von Gustav und Ernst Klimt, Franz Matsch, Mihaly von Munkascy und Hans Markart ausgestattet ist, selbst gleichsam in „digitalisierter“ Form vor: Als Kinodokumentarfilm „Das Große Museum“ von Johannes Holzhausen.

„Entwurf für eine der Zwickeldarstellungen des KHM“ (von Franz von Matsch, 1870) und „Apotheose der Renaissance“ (von Mihaly von Munkascy) für das Stiegenhaus des Museums

Entstanden ist das Museum aus den Sammlungen der Habsburger, vor allem aus der Porträt- und Harnischsammlung Ferdinands von Tirol (1529 - 1595), der Sammlung Kaiser Rudolfs II. (1552 - 1612) und der Gemäldesammlung von Erzherzog Leopold Wilhelm (1614 - 1662) in den habsburgischen Niederlanden. Bereits 1833 forderte Joseph von Arneth, Kustos (und später Direktor) des kaiserlichen Münz- und Antikenkabinetts, die Zusammenführung aller kaiserlichen Sammlungen in ein einziges Gebäude. Fünfundzwanzig Jahre später erteilte Kaiser Franz Joseph I (1830 -1916) im Zuge der Stadterweiterung und der Errichtung der Ringstraße schließlich den Auftrag zum Bau des Museums.

„Erzherzog Leopold Wilhelm in seiner Galerie in Brüssel“ (von David Terniers d.J. 1650-52)

Es sollte dann noch weitere neun Jahre bis zur Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs dauern, den schließlich Gottfried Semper und Carl von Hasenauer für sich entscheiden konnten. Die Pläne fanden auch das Wohlwollen des Kaiserhauses. Ausschlaggebend für den Erfolg von Semper und Hasenauer gegenüber den Projekten anderer Architekten war u.a. Sempers Vision eines großen Baukomplexes namens „Kaiserforums“, in dem die Museen ein Teil gewesen wären. Persönliche Differenzen zwischen Semper und Hasenauer, der schließlich ab 1877 die alleinige Bauleitung des Museums übernahm, und Sempers Tod 1879 führten - neben finanziellen und politischen Gründen - dazu, dass das Kaiserforum nicht in der geplanten Form zur Ausführung kam.

Der alte und der neue Burgplatz in Wien mit dem Projekt des Kaiserforums (Aquarell von Franz Alt, 1873)

Sempers Generalplan sah zwei quer zur Ringstraße stehende Museumsgebäude vor, denen zwei an die Hofburg anzubauende Flügel entsprechen würden. In der Mitte, vor der alten Hofburg, war ein Fest- und Thronsaaltrakt geplant. Ursprünglich war sogar von einer Verbindung über die Ringstraße mit zwei Bögen die Rede, dies wurde jedoch im Interesse des Verkehrs sehr bald aufgegeben. Im Jahr 1913 wurden auf Befehl des Kaisers auch der nordwestliche Flügel und der Mitteltrakt aufgegeben, sodass das Kaiserforumsprojekt ein Torso blieb. Der andere damals neu errichtete Burgflügel, heute bekannt als Neue Hofburg, beherbergt u.a. das Ephesos-Museum, die Sammlung alter Musikinstrumente sowie den Hauptteil der Österreichischen Nationalbibliothek.

„Eröffnung des Kunsthistorischen Museums in Wien“ (Heliogravüre 1891) 

Holzhausens Film wirft einen neugierigen, auch humorvollen Blick hinter die Kulissen dies Kunsthistorischen Museums. Über zwei Jahre hat sich das Team in dem Semper-Hasenauer-Bau umgesehen. In aufmerksamem Direct Cinema-Stil - kein Off-Kommentar, keine Interviews, keine Begleitmusik - beobachtet der Film die vielgestaltigen Arbeitsprozesse, die daran mitwirken, der Kunst ihren rechten Rahmen zu geben. Die Kette ineinander greifender Rädchen reicht von der Direktorin bis zum Reinigungsdienst, von den Transporteuren bis zur Kunsthistorikerin.

„Das Große Museum“ (Stills aus dem Film von Johannes Holzhausen, Navigator Film 2014)

Dabei haben Holzhausen und seine Kameramänner Joerg Burger und Attila Boa lebhafte Mikrodramen eingefangen, in denen die Mitarbeiter des Museums als Protagonisten hervortreten: Eine Restauratorin ist der Geschichte eines mehrfach bearbeiteten Rubens-Gemäldes auf der Spur; ein anderer verzweifelt ausdrucksstark an der Reparatur eines Modellschlachtschiffs. Ein verdienter Sammlungsleiter wird in den Ruhestand verabschiedet; eine Kunsthistorikerin erlebt Aufregung und Frustration einer Auktion. So entsteht nicht nur das Portrait einer staatlichen Kultureinrichtung, die ihre Integrität mit Budgetvorgaben und Konkurrenzdruck ausbalancieren muss, sondern auch ein Film über Zeitlichkeit und Vergänglichkeit: Er setzt den tagtäglichen Betrieb in Bezug zur Tradition des Hauses, die in der Habsburger-Monarchie fußt, und zum Anspruch der Kunstobjekte auf Zeitlosigkeit.

-> http://www.navigatorfilm.at/
-> http://www.khm.at/