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Donnerstag, 21. November 2013



Montag, 28. Oktober 2013


Sonntag, 10. November 2013 um 21:25:41 von Kulturpool Redaktion

Die Keilschrift des Computers

Anlass
Präsentation des Projekts "decodeunicode" bei der TEDx-Konferenz in Wien

Das Kunsthistorische Museum in Wien besitzt ein Alabastron mit viersprachiger Inschrift aus der Zeit des Xerxes (486-466 v. Chr.). Es ist ein besonders großes Exemplar eines Tongefäßes, das zur Aufbewahrung von Duftölen diente. Nicht nur die Größe des Gefäßes (32,1 cm hoch, mit einem Durchmesser von 19,6 cm) ist beeindruckend. Interessant ist vor allem, dass Inschriften in vier Sprachen zu lesen sind: Der Name des Großkönigs (Xerxes) ist in ägyptischen Hieroglyphen und in drei waagrechten Zeilen auf altpersisch, elamisch und babylonisch in Keilschrift niedergeschrieben, den ersten „universalen“ Zeichensätzen, mit denen über Sprachen hinweg kommuniziert werden konnte.

Großes Alabastron des Xerxes mit viersprachiger Inschrift

Auch zweieinhalbtausend Jahre später sind es universale Zeichensätze, die wir für die multilinguale Textverarbeitung nutzen. Sie schlummern versteckt in den Tiefen der Tastatur unserer Computer, Laptops und Smartphones. Exakt 110.187 grafische Zeichen umfasst der Datensatz der aktuellen Version 6.3 von Unicode, der Basis der schriftlichen Kommunikation im Computerzeitalter, die die globale Kommunikation durch multilinguale Textverarbeitung möglich macht. Und mit jeder neuen Version werden es mehr. Langfristig soll für jedes sinntragende Zeichen bzw. Textelement aller bekannten Schriftkulturen und Zeichensysteme ein digitaler Code festgelegt werden, um die Verwendung unterschiedlicher und inkompatibler Kodierungen in verschiedenen Ländern oder Kulturkreisen zu beseitigen – also den Bauplan für den Turm zu Babel nachzuliefern.

Von digital zu analog

Doch nur die wenigsten wissen, was diese Zeichen bedeuten und wie man sie in ein Textdokument oder eine SMS einfügen kann. Das an der Fachhochschule Mainz initiierte Projekt decodeunicode.org bietet einen typografischen Blick auf die in Unicode „archivierten“ Zeichen der Welt. Es hat sich zum Ziel gesetzt, den Zugang zu allen bislang aufgenommenen digitalen Schriftzeichen zu vereinfachen und sie physisch zugänglich zu machen. Es begreift die technische Leistung der IT-Branche als Inventar der Schriftzeichen der Menschheit. Ein Inventar, das laufend ergänzt und und mehr und mehr zum vollständigen digitalen Archiv der Schriften von einst und jetzt wird.

Das unter der Leitung von Johannes Bergerhausen gemeinsam mit der Designerin Siri Poarangan entwickelte Projekt einer unabhängige Online-Plattform für digitale Schriftkultur lädt ein zum Entdecken unbekannter Zeichen und zum typografischen Experiment mit diesem alten und neuen Zeichenschatz, der lebende wie ausgestorbene, häufig genutzte ebenso wie Nischenschriften enthält. Es soll dem Computer-Nutzer einen inhaltlichen Zugang zu dem globalen Zeichenfundus ermöglichen, Fachwissen gezielt bündeln und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. In einem 2010 erschienen Buch haben sie auf 656 Seiten alle in der Version 6.0 enthaltenen Schriftzeichen (damals 109.242) grafisch sichtbar und damit den abstrakten Unicode-Kosmos auch sinnlich erlebbar gemacht.

Von Ascii zu Unicode

In der westlichen Welt benützen wir meist nicht mehr als die Buchstaben A bis Z, die gängigen Interpunktionszeichen, also Basic Latin und die arabischen Ziffern. Dazu mischt sich das Latin-1 Supplement mit etwas weniger gebräuchlichen Zeichen und die Spacing Modifier Letters, wie z.B. das größer-als-und das kleiner-als-Zeichen, die schon im vor 50 Jahren entwickelten American Standard Code for Information Interchange (Ascii), dem Vorläufer des heute weltweit üblichen Unicodes, enthalten waren. Erst mit diesen standardisierten Codes, ohne die es keine E-Mail und kein World Wide Web gäbe, konnten Textverarbeitungsprogramme entwickelt werden, mit denen Computer lernten miteinander zu sprechen. Bis dahin gab es mehr als sechzig Methoden, Zahlen und die Buchstaben des Alphabets so in Zahlenkolonnen zu verwandeln, dass die Maschinen sie lesen konnten. Es war ein digitaler Turm zu Babel: Die eine Maschine konnte mit der anderen nicht „sprechen“.

Verschiedene Keilschriften und ihre Bedeutung

Da Ascii in den USA entwickelt worden war, fehlten jedoch schon von Anfang an viele Zeichen, die in anderen europäischen Schriften üblich waren, es gab kein é, kein ç und kein ä, da diese Buchstaben im Englischen nicht existieren. Vor allem aber reichten die 128 Zeichen, die mit Ascii codiert werden konnten, nicht aus, um außereuropäische Zeichen darzustellen. 1991 entstand darum auf der Basis von Ascii der Unicode-Standard, der außer europäische auch nahöstliche und indische Schriften kodierte. Kurz danach gab es eine weitere Version für chinesische und japanische Schriftzeichen. Durch das Internet wurde Unicode schließlich zur Lingua Franca, zur internationalen Verkehrssprache unter vernetzten Computern.

Von der Keilschrift zum digitalen Code

In seiner historischen Bedeutung ist die Entwicklung des Unicodes durchaus vergleichbar mit der Erfindung der Keilschrift, die ausgehend von den Sumerern (3000 v.Chr.) nach und nach auch von anderen altorientalische Sprachen übernommen und adaptiert wurde und damit erstmals einen „Briefwechsel“ zwischen den Völkern ermöglichte: Tontafeln, auf denen geschrieben wurde, konnten, mit Schutzhüllen aus gebranntem Ton versehen, vom Adressanten zum Adressaten gebracht und gelesen werden. So gelangte die Kenntnis der Keilschrift um das Jahr 2350 v. Chr. bis nach Syrien in das Reich Ebla, wo sie für die einheimische semitische Sprache, das Eblaitische, verwendet wurde. Bereits ab 2500 v. Chr. löste die Keilschrift im benachbarten Königreich Elam (dem heutigen Iran) die dort geschriebene proto-elamitische Strichschrift ab, wo sie bis in hellenistische Zeit Verwendung fand.

Babylonisch-assyrische Keilschrift

Der Ausdruck Keilschrift bezeichnet eine ursprünglich sumerische Bilderschrift, deren Formen durch die Eindrücke eines Schreibgriffels in den noch weichen Ton entstanden. Den Namen hat sie von ihren Grundelementen: waagrechten, senkrechten und schrägen Keilen. Die Keilschrift wurde später von zahlreichen Völkern des alten Orients (Sumerern, Akkadern, Babyloniern, Assyrern, Persern u. a.) in der Zeit von etwa 3200 v. Chr. bis 75 n. Chr. verwendet. Sie ist neben den ägyptischen Hieroglyphen die heute älteste bekannte Schrift und entwickelte sich aus einer anfänglichen Bilderschrift, bestehend aus rund 900 Piktogrammen und Ideogrammen, zu einer Silbenschrift, aus der auch eine phonetische Konsonantenschrift, die Ugaritische Schrift, entwickelt wurde. Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. drangen langsam neue Schriftsysteme, wie die phönizische oder griechische Lautschrift, nach Kleinasien vor, die nach und nach die Keilschrift verdrängten, bis ihre Kenntnis schließlich vollständig verloren ging.

Vom Piktogramm zum Ideogramm

Anfänglich handelte es sich bei den Schriftzeichen um Piktogramme, um vereinfachte bildhafte Darstellungen eines Gegenstandes oder Wesens. Beispielsweise stand der stilisierte Stern für »Stern«, »Gott« und »Himmel«. Später entwickelte sich die Keilschrift zu Ideogrammen weiter, die komplexe Gedankengänge darstellten. Dann stand beispielsweise der stilisierte Stern auch für »oben«.

Großer Zylinder mit Bauurkunde (Nebukadnezar II, 604-562 v.Chr.

Ab etwa 2900 v. Chr. verloren die Piktogramme mehr und mehr ihre ehemalige Funktion und ihren ursprünglichen Bezug. Nun konnte ein einzelnes Zeichen je nach Sinnzusammenhang verschiedene Bedeutungen haben. Im nachfolgenden Entwicklungsschritt wurde nur noch eine Bedeutung mit einem Zeichen in Verbindung gebracht. Aus ursprünglich 1500 Piktogrammen entwickelten sich so 600 Zeichen, die regelmäßig verwendet wurden. Diese Zeichen bezogen sich mit der Zeit immer mehr auf die Lautung der gesprochenen Wörter.

Von der Tontafel in den Computer

Wie zahlreiche andere alte, in Vergessenheit geratene oder nur von kleinen Sprachen verwendete Schriften wurde auch die Keilschrift, das älteste Schriftsystem der Welt, vor einigen Jahren in Unicode aufgenommen. Dies ermöglicht einer kleinen wissenschaftlichen Gemeinde einen neuen Zugang zu historischen Texten, zum Beispiel per Volltextsuche. Der Unicode-Block Cuneiform (Keilschrift) (12000--123FF) beinhaltet die Schriftzeichen der Sumerisch-akkadischen Keilschrift. Die Zeichen sind nach ihrer Transliteration sortiert. In Unicode sind die Zeichen dabei nach ihrer etymologischen Zusammensetzung benannt, auch wenn ein Zeichen einen eigenen Namen hat (http://de.wikipedia.org/wiki/Unicode-Block_Keilschrift).

Unicode für sumerische Keilschrift