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Montag, 19. August 2013



Dienstag, 16. Juli 2013


Samstag, 10. August 2013 um 09:32:04 von Kulturpool Redaktion

Seine Exzellenz, Herr Jedermann

Anlass
Anlass: Salzburger Festspiele 2013

Die Briten haben William und Kate. Die Österreicher Jedermann und seine Buhlschaft. Seit dem Ende der Kaiserzeit regiert in der sommerlichen Alpenrepublik dieses Ersatzherrscherpaar auf dem Salzburger Domplatz, der, wie Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon vor drei Jahren ironisch bemerkte, „seither eine Art saisonale geistig-geistliche Hofburg des sonst führungslosen Landes darstellt.“ Jede Neubesetzung gleicht einer Inthronisierung, also einem nationalen Großereignis, und die Lösung des Rätsels um die jeweils „neue“ Buhlschaft wird im Seitenblicke-Feuilleton nicht weniger aufgeregt herbeigesehnt wie die Geburt des Royal Babys.

Cornelius Obonya als Jedermann und Brigitte Hobmeier als Buhlschaft - Salzburger Festspiele 2013 Foto: © Salzburger Festspiele / Forster

Seit 1920, mit Ausnahme der Jahre als Österreich Teil des „Großdeutschen Reiches“ war, gehört „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ zur Grundausstattung der Salzburger Festspiele und damit zum wichtigsten Kultur- und Societyschatz des Landes. In seltsam historisierenden knitteligen Versen von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gedichtet, hat sich der „Jedermann“, jedem inszenatorischen Rettungsversuch zum Trotz, im Feuilleton längst den Ruf des „schlechtesten und verlogensten Theaterstücks aller Zeiten“ (Stadlmaier) erworben. Ein Schelm, der denkt, dass der „Jedermann“ gerade deshalb so gut ins Programm des nationalen Paradefestivals passt und als Rahmen für das sommerliche Defilee der Finanz-, Welt-, Halbwelt-, Wirtschaft- und Polit-Hautevolee von Jahr zu Jahr neu aufpoliert wird.

Curd Jürgens, Alexander Moissi, Maximilian Schell und Will Quadflieg in der Rolle des "Jedermann"

Zumal die Botschaft des Dramas sedativ auf das Gewissen wirkt: „Darin“, so Gerhard Stadelmaiers literaturlexikontaugliche Inhaltszusammenfassung, „kann ein reicher Mann zeitlebens machen, was er will, er muss nur am Ende ,Ich glaube!‘ sagen – und schon kommt er (der Stoff ist kostbar von dem Spiel, doch dahinter liegt nicht viel), zum Himmelspapa ins Jenseits. Der Teufel hat das Nachsehen. Zuvor aber hat Herr Jedermann noch ein Pantscherl mit seiner ,Buhlschaft‘. Die ihn aber, als es ans Sterben gehen soll, im Stich lässt: Koitus ja, Exitus nein. Auf solchen wohlgepolsterten Prämissen lässt sich zwischen Bett und Himmel genüsslich thronen. So bilden seit neunzig Jahren Herr Jedermann und Frau Buhlschaft das ideale österreichische Herrscherpaar. Erhobene Erheber. Ohne Folgen. Aber mit auratischem Chichi.“

Klaus Maria Brandauer und Ulrich Tukur in der Rolle des "Jedermann"

Dessen unbedacht gilt in weiten Schauspielerkreisen eine Besetzung im Salzburger „Jedermann“ als allergrößte Ehre, als Ersatz für einen Theaternobelpreis, der in Oslo ja leider nicht verliehen wird. Oder zumindest als gut bezahlte PR-Kampagne in eigener Sache. Kein Wunder, dass sich die Besetzungslisten für die Jedermänner, Buhlschaften, Tode und das sonstige Bühnenpersonal von 1920 bis heute wie das Who is Who des deutschsprachigen Theaters lesen: Alexander Moissi, Attila Hörbiger, Will Quadflieg, Curd Jürgens, Rolf Boysen, Maximilian Schell, Heinz Conrads, Klaus Maria Brandauer, Helmuth Lohner, Gert Voss, Martin Benrath, Ulrich Tukur, Hans-Michael Rehberg und Peter Simonischek; Judith Holzmeister, Nadja Tiller, Christiane Hörbiger, Senta Berger, Elisabeth Trissenaar, Sunnyi Melles, Sophie Roiss, Dörte Lyssewski und Birgit Minichmayr (um nur eine Auswahl klingender Namen aufzuzählen).

Theaterzettel der "Jedermann"-Erstaufführung bei den Salzburger Festspielen 1920

Dass jeder neue „Jedermann“ der Salzburger Festspiele auch zum Auslöser ideologischer Scheingefechte und damit zu einer unfreiwilligen Metapher landesüblicher Politdiskurse wird, passt da durchaus mit ins Bild. So wird auch die aktuelle Inszenierung von Brian Mertes und Julian Crouch entweder als "Triumph" gefeiert oder als "aufgeblasenes Spektakel" verrissen; und so ist Cornelius Obonya als Hauptdarsteller anno 2013 für die einen „eine luxuriöse Fehlbesetzung“ (Der Standard), für die anderen „ein ebenbürtiger Nachfolger seines Großvaters Attila Hörbiger" (Die Presse).
Ja, auch in der Besetzungspolitik wird mitunter dynastisch gedacht. Der Jedermann, er ist und bleibt ein Stück Österreich.

-> www.salzburgmuseum.at/archiv/sonderausstellungen/jedermann_darsteller.html
-> www.salzburgerfestspiele.at/