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Montag, 19. August 2013



Montag, 19. August 2013


Samstag, 10. August 2013 um 09:32:04 von Kulturpool Redaktion

Seine Exzellenz, Herr Jedermann

Anlass
Anlass: Salzburger Festspiele 2013

Die Briten haben William und Kate. Die Österreicher Jedermann und seine Buhlschaft. Seit dem Ende der Kaiserzeit regiert in der sommerlichen Alpenrepublik dieses Ersatzherrscherpaar auf dem Salzburger Domplatz, der, wie Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon vor drei Jahren ironisch bemerkte, „seither eine Art saisonale geistig-geistliche Hofburg des sonst führungslosen Landes darstellt.“ Jede Neubesetzung gleicht einer Inthronisierung, also einem nationalen Großereignis, und die Lösung des Rätsels um die jeweils „neue“ Buhlschaft wird im Seitenblicke-Feuilleton nicht weniger aufgeregt herbeigesehnt wie die Geburt des Royal Babys.

Cornelius Obonya als Jedermann und Brigitte Hobmeier als Buhlschaft - Salzburger Festspiele 2013 Foto: © Salzburger Festspiele / Forster

Seit 1920, mit Ausnahme der Jahre als Österreich Teil des „Großdeutschen Reiches“ war, gehört „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ zur Grundausstattung der Salzburger Festspiele und damit zum wichtigsten Kultur- und Societyschatz des Landes. In seltsam historisierenden knitteligen Versen von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gedichtet, hat sich der „Jedermann“, jedem inszenatorischen Rettungsversuch zum Trotz, im Feuilleton längst den Ruf des „schlechtesten und verlogensten Theaterstücks aller Zeiten“ (Stadlmaier) erworben. Ein Schelm, der denkt, dass der „Jedermann“ gerade deshalb so gut ins Programm des nationalen Paradefestivals passt und als Rahmen für das sommerliche Defilee der Finanz-, Welt-, Halbwelt-, Wirtschaft- und Polit-Hautevolee von Jahr zu Jahr neu aufpoliert wird.

Curd Jürgens, Alexander Moissi, Maximilian Schell und Will Quadflieg in der Rolle des "Jedermann"

Zumal die Botschaft des Dramas sedativ auf das Gewissen wirkt: „Darin“, so Gerhard Stadelmaiers literaturlexikontaugliche Inhaltszusammenfassung, „kann ein reicher Mann zeitlebens machen, was er will, er muss nur am Ende ,Ich glaube!‘ sagen – und schon kommt er (der Stoff ist kostbar von dem Spiel, doch dahinter liegt nicht viel), zum Himmelspapa ins Jenseits. Der Teufel hat das Nachsehen. Zuvor aber hat Herr Jedermann noch ein Pantscherl mit seiner ,Buhlschaft‘. Die ihn aber, als es ans Sterben gehen soll, im Stich lässt: Koitus ja, Exitus nein. Auf solchen wohlgepolsterten Prämissen lässt sich zwischen Bett und Himmel genüsslich thronen. So bilden seit neunzig Jahren Herr Jedermann und Frau Buhlschaft das ideale österreichische Herrscherpaar. Erhobene Erheber. Ohne Folgen. Aber mit auratischem Chichi.“

Klaus Maria Brandauer und Ulrich Tukur in der Rolle des "Jedermann"

Dessen unbedacht gilt in weiten Schauspielerkreisen eine Besetzung im Salzburger „Jedermann“ als allergrößte Ehre, als Ersatz für einen Theaternobelpreis, der in Oslo ja leider nicht verliehen wird. Oder zumindest als gut bezahlte PR-Kampagne in eigener Sache. Kein Wunder, dass sich die Besetzungslisten für die Jedermänner, Buhlschaften, Tode und das sonstige Bühnenpersonal von 1920 bis heute wie das Who is Who des deutschsprachigen Theaters lesen: Alexander Moissi, Attila Hörbiger, Will Quadflieg, Curd Jürgens, Rolf Boysen, Maximilian Schell, Heinz Conrads, Klaus Maria Brandauer, Helmuth Lohner, Gert Voss, Martin Benrath, Ulrich Tukur, Hans-Michael Rehberg und Peter Simonischek; Judith Holzmeister, Nadja Tiller, Christiane Hörbiger, Senta Berger, Elisabeth Trissenaar, Sunnyi Melles, Sophie Roiss, Dörte Lyssewski und Birgit Minichmayr (um nur eine Auswahl klingender Namen aufzuzählen).

Theaterzettel der "Jedermann"-Erstaufführung bei den Salzburger Festspielen 1920

Dass jeder neue „Jedermann“ der Salzburger Festspiele auch zum Auslöser ideologischer Scheingefechte und damit zu einer unfreiwilligen Metapher landesüblicher Politdiskurse wird, passt da durchaus mit ins Bild. So wird auch die aktuelle Inszenierung von Brian Mertes und Julian Crouch entweder als "Triumph" gefeiert oder als "aufgeblasenes Spektakel" verrissen; und so ist Cornelius Obonya als Hauptdarsteller anno 2013 für die einen „eine luxuriöse Fehlbesetzung“ (Der Standard), für die anderen „ein ebenbürtiger Nachfolger seines Großvaters Attila Hörbiger" (Die Presse).
Ja, auch in der Besetzungspolitik wird mitunter dynastisch gedacht. Der Jedermann, er ist und bleibt ein Stück Österreich.

-> www.salzburgmuseum.at/archiv/sonderausstellungen/jedermann_darsteller.html
-> www.salzburgerfestspiele.at/

Montag, 19. August 2013 um 14:36:51 von Kulturpool Redaktion

Vintage Cycling

Anlass
Buchneuerscheinung „Vintage Vienna“ und Ausstellung „Tour du Monde“ im MAK

Der Charme vergangener Jahrzehnte hat gerade Hochkultur. Dem Zeitreiseprojekt „Vintage Vienna“ von Michael Martinek und Daniela Horvath auf Facebook folgen schon über 50.000 Fans. Und soeben ist das dazugehörige Buch im Metroverlag (Untertitel: „Die Bilder unserer Kindheit / When we were young") erschienen.

Fahrradgeschichten 1 (v.l.n.r.): Biefträger in Faistenau (1951); Der beste Schüler des Jahres fährt eine Ehrenrunde auf dem Fahrrad im Hof des TGM in Wien Währing (1953); Motorfahrrad als Objekt der Begierde bei einer Ausstellung in Wien (1949)

Das Projekt, das mittels sozialer Netzwerke und dank der Wiener Bevölkerung erstmals Zugang zu privaten Zeitdokumenten und erstaunlichen Stadtimpressionen bietet und diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, liefert - aus der ganz persönlichen Sicht zahlreicher Hobby-Fotografen - nicht nur interessante Einblicke in die architektonische und städtebauliche Entwicklung, sondern vor allem auch des Verkehrswesens vor der Ära der U-Bahn und der Fußgängerzonen, - inklusive der nachgerade erotischen Faszination, die das Auto - „when we were young“ - auf uns ausgeübt hat. Damals, als das Fahrrad noch kein Lifestyleprodukt war, sondern gerade vom motorisierten Weltgeist endgültig aus unserem Leben entsorgt zu werden drohte. Und so wundert es nicht, dass sich unter den „Vintage Vienna“-Bildern erstaunlich wenige Fahrrad-Fotos finden (http://www.facebook.com/VintageVienna).

Fahrradgeschichten 2 (v.l.n.r.): Claus Peymann fährt per Rad zu einer Probe bei den Salzburger Festspielen (1986); Attila Hörbiger übt mit Tochter Maresa Fahrradfahren (ca. 1955); Ing. Franz Lyrk auf dem von ihm gebauten kleinsten fahrbaren Fahrrad der Welt (1947)

Anders als auf aktuellen Fotos aus dem „contemporary Vienna“ - ob in den traditionellen oder den Sozialen Medien. Sie zeigen, dass das Stadt- und Verkehrsbild des 21. Jahrhunderts gerade dabei ist sich neuerlich zu wandeln: Das Fahrrad erlebt ein Comeback, ob als kostengünstiges Verkehrsmittel, für den körperlichen Ausgleich, als Ausdruck nachhaltigen Handelns oder als modisches Lifestyleprodukt; ein Comeback, das im MAK noch bis Anfang Oktober auch mit einer Ausstellung („Tour du Monde“) gefeiert wird, die anhand von Fahrrad-Ikonen des 20. und 21. Jahrhunderts von der gestalterischen Qualität und Vielfalt des Fahrzeugklassikers erzählt. Ausgewählte Exponate der EMBACHER-COLLECTION® laden zu einer Reise durch die Geschichte des Kultobjekts Fahrrad, an dessen sukzessive veränderter Technologie und Formgebung sich auch Innovations- und Designgeschichte ablesen lassen (http://www.mak.at).

Fahrradgeschichten 3 (v.l.n.r.): Sonnenbadende Frauen mit Fahrrädern; Deutscher Fahrradschwadron (1941); Geschlechterstereotyp anno 1950ff: Mann auf einem Puch 250ccm TF Motorrad und Frau mit einem Puch Fahrrad

Die Sammlung des Wiener Architekten Michael Embacher umfasst legendäre Serienmodelle, Unikate und Kuriositäten, von Kinder-, Sport-, und Freizeit- bis zu Nutz- und Falträdern. Auch der Kulturpool, das zentrale Übersichts- und Suchportal des digitalen österreichischen Kulturerbes, lädt zu einer Reise durch die (foto-)grafischen Bestände zahlreicher österreichischer Kulturinstitutionen zum Thema Fahrrad ein: Bilder, die das Rad als alltägliches Gebrauchsgerät für Briefträger und Rauchfangkehrer zeigen, als fast vergessenes wehrgeschichtliches „Einsatzmittel“ (von den „Fahrradschwadronen“ bis zu den Klapprädern der deutschen Fallschirmtruppen im Zweiten Weltkrieg), als Werbesujet oder Kuriositäten wie das kleinste Fahrrad der Welt, das Franz Lyrk, vor dem Wiener Parlament vorführt.

Montag, 26. August 2013 um 21:21:50 von Kulturpool Redaktion

Diesen Kuss der ganzen Welt

Anlass
Anlass: Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau, August 2013

Spektakulär war das eigentlich nicht. Und doch wurde ein Bild der Agentur Reuters letzte Woche zum Medienereignis: Zwei Sportlerinnen küssen sich auf den Mund, einem Fotografen gelingt der Schnappschuss, er schickt das Bild hinaus in die Welt. Und die steht Kopf. Denn die Frauen sind Russinnen bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau und sie stehen auf dem Siegerpodest, haben gerade ihre Gold-Medaillen bekommen, als das ganze Stadion auf sie blickt.

Xenija Ryschowa und Tatjana Firowa bei der Leichtathletik-WM in Moskau (2013)
- Foto: Reuters, Carol Heiss und Sjoukje Dijkstra bei den Olympischen Winterspielen in Squaw Valley (1960) - Foto: Lothar Rübelt

Selbst in den prüden 1950er und 1960er Jahren wäre das kein globaler Aufreger gewesen, wie ein Blick in die Digitale Datenbank der österreichischen Kulturinstitutionen (www.kulturpool.at) zeigt. Das Sieger-Küssen gehörte schon bei den Olympischen Winterspielen in Squaw Valley anno 1960 zum Repertoire emotionaler Freudeskundgebungen: Auf einem nicht minder unspektakulären Foto des österreichischen Sportfotografen Lothar Rübelt zum Beispiel küsst die Eiskunstläuferin Carol Heiss (Olympiasiegerin, USA) die Zweitplatzierte Sjoukje Dijkstra (Holland) ohne eine Welle der Empörung auszulösen.

Ein Bruderkuss in Berlin

Allerdings gibt es kaum eine menschliche Geste, die derart viele Interpretationen zulässt, wie das Aneinanderdrücken zweier Lippenpaare. Im Kontext der homophoben Stimmung in Russland und der diskriminierenden Gesetzgebung, die „Werbung“ für Gleichgeschlechtlichkeit unter Strafe stellt, wurde der Siegerkuss von Xenija Ryschowa und Tatjana Firowa als Zeichen des politischen Protestes wahrgenommen, auch wenn er - wie die beiden Sportlerinnen in der Folge zu erklären bemüht waren - gar nicht als Protest intendiert war; und weil es in Moskau auch eine ganz andere Tradition des gleichgeschlechtlichen Kusses gibt, die mit Leonid Breschnews Bruderkuss für Erich Honecker anno 1979 in Ostberlin längst in die politische und - durch Dimitr Vrubels legendären Darstellung dieses Politgeknutsches auf den Resten der Berliner Mauer - auch in die Kunstgeschichte eingegangen ist.

"Bruderkuss" von Dimitr Vrubel an der Berliner Mauer (1990); "Judaskuss" am Flügelaltar im Schloss Fuschl in Salzburg (zw. 1400 und 1500)

Auch wenn der Satz, den Vrubel unter das Gemälde schrieb („Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben!“), ursprünglich bloß seinen privaten Liebeskummer ausdrücken sollte, wurde er im Kontext der Reproduktion des Bildes auf dem Mauerrest (2009) ebenso als politischer Kommentar gelesen, wie der Schwesternkuss von Xenija und Tatjana bei der Leichtathletik-WM.

Ein Liebeskuss in Wien ...

Brüderküssen freilich haftet schon seit je der Makel des Verrats an. Der, den Judas Jesus gegeben haben soll, war - abgesehen von rein allegorischen Darstellungen (etwa Francesco Furinis „Die Malerei und die Dichtkunst“ aus dem Jahr 1629) - lange Zeit das einzige Kussmotiv in der Kunstgeschichte. Als Ausdruck der Liebe jedenfalls gehörte der Kuss bis ins 20.Jahrhundert zu den eher raren Sujets in der bildenden Kunst. Dies ist wohl auch ein mitentscheidender Grund, warum Gustav Klimts „Kuss“ (1907) bis heute der berühmteste der Kunstgeschichte ist. Er symbolisiert wie kaum ein anderes Kussbild die Verschmelzung, das körperliche und seelische Einswerden eines Paares, während in den diversen Kuss-Gemälden etwa von Edward Munch oder Rene Magritte eher Bedrohung oder Abwendung liegen.

"Der Kuss" von Gustav Klimt (1907); "Future Kiss" von Lenka Klimesova (2009)

Die digitale Datenbank der österreichischen Kulturinstitutionen bietet aber nicht nur einen Rückblick auf die Kunst-, sondern auch einen Ausblick in die Zukunft der Kussgeschichte: Das Video „Future Kiss“ der tschechischen Künstlerin Lenka Klimesova aus der Sammlung des Linzer Ars Electronica Centers versteht sich als performative Warnung vor dem Verlust persönlicher Intimität durch Technologie sowie drohender viraler und bakterieller Epidemien: Ausgerüstet mit einem vibrierenden Chip und einem Kussdedektor simulieren die Performer, was einst ein Kuss gewesen sein könnte (http://www.youtube.com/watch?v=gVXD_ZqsWO0).

... und einer in Paris

Dem Klimtschen „Kuss“ popularitätsmäßig und emotional annähernd das Wasser reichen kann höchstens noch Robert Doisneaus Foto „Kuss vor dem Hotel de Ville Paris“ aus dem Jahre 1950. Beide Motive haben es daher mit zu den beliebtesten künstlerischen Plakatmotiven gebracht, die tausendfach in privaten oder öffentlichen Räumen zu sehen und damit deutlich populärer sind als die Popart-Küsse eines Roy Lichtenstein.