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Donnerstag, 28. März 2013



Samstag, 16. Februar 2013


Dienstag, 19. März 2013 um 14:39:11 von Kulturpool Redaktion

Maschenhaftes Maennchenmeer

Anlass
Ausstellung „Nacht über Österreich“ in der Österreichischen Nationalbibliothek

der glanze heldenplatz zirka /
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere /
drunter auch frauen die ans maskelknie /
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick /
und brüllzten wesentlich.

Am 15.März 1938 stand der 12-jährige Ernst Jandl eingezwängt in der jubelnden Menge, die von die Wiener Ringstraße auf den Heldenplatz drängte, um den „stirnscHeITeLuntERschwang“ live mitzuerleben. 25 Jahre später verarbeitete Jandl dieses Kindheitserlebnis mit dem „maschenhaftem männchenmeere“, dem durch den „hünig sprenkem stimmstummel“ „pfingstig ums heil“ wurde, zu seinem wohl berühmtesten Gedicht; zu einer Zeit, als in Österreich Verdrängung und Restauration herrschten und man sich über die Lebenslüge der ersten Opfer des Nationalsozialismus einrichtete. Als eines der gelungensten Beispiel politischer Lyrik, in dem, so der Literaturkritiker Jörg Drewes, „die ästhetische Wahrheit nicht hinter der politischen Wahrheit herhinkt, sondern ihr gewachsen ist“, gehöre wien: heldenplatz „in jedes deutsche und österreichische Lesebuch – auf dass die Leser sich die Zähne dran ausbeißen.“

verwogener stirnscheitelunterschwang /
nach nöten nördlich, kechelte /
mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme /
hinsensend sämmertliche eigenwäscher.

Ernst Jandl bei einer Lesung

Unmittelbar nach „stimmstummels“ Heldenplatz-Rede begannen landesweit Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung Österreichs. Jüdinnen und Juden wurden öffentlich beschimpft, Geschäfte mit dem Davidstern bemalt, es kam zu Plünderungen, Beschädigungen und Raub von jüdischem Eigentum.

pirsch! /
döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz /
mit hünig sprenkem stimmstummel. /
balzerig würmelte es im männechensee /
und den weibern ward so pfingstig ums heil /
zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.

Wer konnte, wagte die Flucht. Flucht bedeutete aber nicht nur Rettung, sie bedeute auch Verlust: von Eigentum, Beruf, Heimat und von geliebten Menschen. Durch Flucht, Vertreibung und Ermordung Tausender vor allem jüdischer Bürgerinnen und Bürger erlitt Österreich einen kulturellen Rückschlag, von dem es sich nie wieder ganz erholen konnte.


Thomas Bernhard bei einer Aufführung von "Heldenplatz" im Wiener Burgtheater

Erst mehr als 20 Jahre danach ist die Thematik von einem weiteren großen österreichischen Literaten wieder aufgegriffen worden, in Thomas Bernhards Drama Heldenplatz, dessen Uraufführung 1988 im Burgtheater zu einem der größten Theaterskandale der Republik Österreich wurde. Und es sollte weitere 25 Jahre dauern bis das (inoffizielle) österreichische Staatsorchester, die Wiener Philharmoniker, sich dieser Thematik anhand der eigenen Verstrickungen in die nationalsozialistischen Säuberungen stellen, die nun unter der Leitung von Oliver Rathkolb wissenschaftlich aufgearbeitet und auf der Website des Orchesters dokumentiert wird.

-> Ausstellung „Nacht über Österreich. Der Anschluss 1938 - Flucht und Vertreibung in der Nationalbibliothek (bis 28.4.2013) http://www.onb.ac.at/ausstellungen/nacht/index.htm

-> Dokumentation „Die Wiener Philharmoniker in der NS-Zeit“ http://www.wienerphilharmoniker.at/index.php?set_language=de&cccpage=history_ns