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Dienstag, 22. Mai 2012



Dienstag, 22. Mai 2012


Mittwoch, 9. Mai 2012 um 13:35:55 von Kulturpool Redaktion

Schnitzler und seine Porträtistin Madame d'Ora

Anlass
150.Geburtstag von Arthur Schnitzler

Der österreichische Dramatiker und Erzähler Arthur Schnitzler (* 15. Mai 1862 in Wien; † 21. Oktober 1931 ebenda) ist einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Moderne, die den Kulturbetrieb in der österreichischen Hauptstadt um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert prägte und Wien vor dem Zerfall der Donaumonarchie (1918) eine letzte Blütezeit in Philosophie, Malerei, Architektur, Musik und Literatur bescherte.

“Karikatur"

Arthur Schnitzler in einer Karikatur von Hans Schliessmann (1893)

Die Protagonisten seiner Werke sind meist typische Gestalten der damaligen Wiener Gesellschaft: Offiziere und Ärzte, Künstler und Journalisten, Schauspieler und leichtlebige Dandys, und nicht zuletzt das süße Mädel aus der Vorstadt, das zu so etwas wie einem Erkennungszeichen für Schnitzler wurde und für seine Gegner zu einem Stempel, mit dem sie den Autor als einseitig abqualifizieren wollten.

Wie Sigmund Freud bringt Arthur Schnitzler etwa zur gleichen Zeit jene Tabus (Sexualität, Tod) zur Sprache, welche die damalige bürgerliche Gesellschaft und ihre Moral unterschlagen. Seine Werke beschäftigen sich häufig mit Themen wie Ehebruch und erotische Affären (Der Reigen, Liebelei, Anatol, Fräulein Else, Traumnovelle etc.), aber auch mit politischen Affekten:

In dem Roman Der Weg ins Freie und im Stück Professor Bernhardi befasste sich Schnitzler mit dem in Wien stark ausgeprägten Antisemitismus; in der Novelle Leutnant Gustl mit dem anachronistischen Ehrenkodex des österreichischen Militärs.

Affären und Affekte begleiten auch die Wirkungsgeschichte der Schnitzlerschen Werke, die von Skandalen, Aufführungsverboten, Prozessen und der Aberkennung seines Offiziersrangs als Oberarzt der Reserve geprägt ist. Auch während der Zeit des Nationalsozialismus waren Schnitzlers Werke geächtet und verboten. Der nach seinem Tod 1931 in seiner Wiener Villa in der Sternwartestraße verbliebene Nachlass konnte kurz nach der Machtübernahme der Nazis im März 1938 auf Initiative des Cambridger Studenten Eric A.Blackall und mit Unterstützung der Britischen Botschaft vor dem Zugriff der Gestapo gerettet und nach England gebracht werden.

Porträt des Arthur Schnitzler Arthur Schnitzler im Anzug Arthur Schnitzler in einem Anzug

Schnitzlers Nachlass enthält auch zahlreiche Fotografien, die 2006 vom Bildarchiv der Nationalbibliothek erworben wurden, um dort erfasst, erschlossen und wissenschaftlich aufgearbeitet zu werden. Sie spiegeln eine fotohistorisch interessante Periode zwischen 1860 und 1930 wider und dokumentieren aufgrund des umfangreichen Bildmaterials gleichsam die Entwicklung der Porträtfotografie von der Atelier- bis hin zur Amateurfotografie. Zu den von Schnitzler besuchten Ateliers zählten u.a. Fritz Luckhardt, Josef Szekely, Josef Löwy, Franz Löwy, Aura Hertwig, Franz Xaver Setzer und Konrad Swatosch. Bei einem Teil der Fotografien des fotografischen Teilnachlasses handelt es sich um private Aufnahmen u.a. von Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich.

Zu den fotohistorisch bedeutendsten Stücken der Sammlung gehören jedoch zwei großformatige Alben mit Aufnahmen der berühmten Fotografin Madame d’Ora (* 20. März 1881 in Wien als Dora Philippine Kallmus, † 30. Oktober 1963 in Frohnleiten/Steiermark), einer Pionierin der internationalen Mode- und Society-Fotografie, der u.a. Berühmtheiten wie Josephine Baker, Coco Chanel, Maurice Chevalier, Gustav Klimt und Pablo Picasso Modell standen. Ein Großteil der über 90.000 erhaltenen Aufnahmen befindet sich heute im Besitz des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek und des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

Rollenbildnis der Hedwig Reinau in Arthur Schnitzlers Anatol Harry Walden in Komödie der Worte

° Matinee: Anatol gratuliert Schnitzler zum Geburtstag und verleiht einen Preis
Volkstheater Wien, 20. Mai 2012, 11.00 Uhr

° Ausstellung: Affairen und Affekte
Österreichisches Theatermuseum in Kooperation mit der Arthur Schnitzler-Gesellschaft
Museum Strauhof Zürich, 20. Juni - 2. September 2012

Dienstag, 22. Mai 2012 um 18:27:21 von Kulturpool Redaktion

Tatort Internet

Anlass
Die Debatte ums Urheberrecht

Der Umgang mit dem (digitalen) kulturellen Erbe ist von zentraler Bedeutung für zukünftige Strategien in der Informationsgesellschaft. Als ein wichtiger Punkt gilt dabei der übergreifende Zugang zu den digitalisierten Beständen von Museen, Bibliotheken und Archiven. Portale wie Kulturpool bietet interessierten Bürgern einen zentralen Zugang zu digitalen (österreichischen) Kultur-Ressourcen. Freilich beschränkt sich der Zugang zu Kulturgütern im Internet längst nicht mehr nur auf (museale) Werke, die nach geltendem Urheberrecht gemeinfrei sind, das heißt keinem Urheberrechtsschutz mehr unterliegen und von jedermann frei benutzbar sind; das ist in der Regel 70 Jahre nach dem Tod des jeweiligen Urhebers der Fall.

Durch die neuen technischen Möglichkeiten des Internets kann potenziell jeder, der bisher nur Konsument, Leser oder Musikfan war, auch zum Urheber oder Verwerter werden. Damit werden Informationen darüber, wer die Rechte an einem Foto besitzt und ob das Urheberrecht an einem Musikstück oder einem Text 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers endet, nun auch für alle relevant, die ein Blog, eine Facebook-Seite oder einen Pinterest-Account haben. Das war bis vor Kurzem jedoch kaum einem Hobby-Blogger oder Facebook-Poster wirklich bewusst. Bis sich der Element of Crime-Sänger und Buchautor („Herr Lehmann“) Sven Regener im März 2011 über die systematische Urheberrechtsverletzungen im Internet und den „fehlenden Respekt unserer Gesellschaft gegenüber Künstlern“ in Rage redete und damit eine höchst emotional geführte Debatte über das Urheberrecht auslöste. Und bis sich diverse Piratenparteien im In- und Ausland dieses Themas annahmen und sich den Kampf gegen die „Verlegermafia“ und für den uneingeschränkten Zugang zu Inhalten im Internet auf die Fahnen schrieben.

Jeder kann Urheber sein

Plötzlich wurde der Begriff „Urheberrecht“ zum Reizwort, an dem sich eine immer lauter und schriller werdende Debatte entzündete, die derzeit die deutschsprachigen Feuilletons beherscht. An der Frage ob und wie das Urheberrecht angesichts der technischen Entwicklung reformiert werden müsste, scheiden sich die - zutiefst zerstrittenen - Geister: Auf der einen Seite jene, die fordern, dass sämtliche Inhalte im Netz für jedermann frei verfügbar sein sollten. Auf der anderen Seite die Künstler (Autoren, Komponisten, Filmemacher) und ihre Verleger und Agenten, die nicht nur um die Einnahmen aus ihrer Arbeit fürchten, wenn ihre Werke im Netz frei (und häufig unentgeltlich) verfügbar sind, sondern auch eine „geistige Enteignung“ beklagen, wenn jeder mit ihren Werken tun und lassen kann, was er will.

Für beide Seiten geht es - wie Maximilian Probst und Kilian Trotier in der „Zeit“ vom 15.3.2012 argumentiert haben - ums Ganze: „Wie hältst du’s mit dem Urheberrecht? Das ist die Gretchenfrage unseres kognitiven Kapitalismus, in dem Reichtum zunehmend über immaterielle Güter wie Wissen und Codes produziert wird – womit das Konzept des geistigen Eigentums entscheidet, wer daran partizipiert. Oder, um es noch grundlegender zu formulieren: Wir sind im Internetzeitalter damit konfrontiert, den Begriff des Teilens neu zu denken. Teilen im Sinne von Mitteilen und Teilhaben kennzeichnet die Produktion und Konsumtion immaterieller Güter. Und der in diesem Prozess geschaffene Reichtum wirft die Frage auf, wie er verteilt werden soll.

Mit der Idee des Teilens hat das Urheberrecht aber heute Schwierigkeiten. Besonders deutlich wird das im Bereich der Kunst, in dem die Praxis, Teile fremder Werke für ein eigenes zu verwenden, weit verbreitet ist. Dabei geht es keineswegs nur um die Untiefen des Internets und seine Copy-and-paste-Kultur, um Remixe, Mashups oder das vom Hip-Hop geschätzte Sampling. Es geht auch darum, dass es nach geltendem Urheberrecht auch die Pop-Art eines Andy Warhol nicht hätte geben sollen, nicht van Goghs Arbeiten nach dem japanischen Holzschnittmeister Hiroshige, ganz zu schweigen von Bachs brandenburgischer Adaption der Violinkonzerte Vivaldis.

Der freie Umgang mit der Kunst der anderen wurde in dem Zuge eingeschränkt, in dem die Gesetzgeber das Urheberrecht verschärften: Für 21 Jahre besaß ein Künstler im England des 18. Jahrhunderts die Rechte an seinem Werk, für weitere 14 Jahre besaß er sie auf Druck und Veräußerung. Heute ist das Urheberrecht in Europa ein automatisch garantiertes Recht, das bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers gilt – egal, ob es ein privates Foto auf Flickr oder einen Hollywood-Blockbuster schützt.

Kurze Geschichte des Urheberrechts

Will man verstehen, wieso das Urheberrecht mit dieser Entwicklung nicht Schritt hält, muss man einen Blick auf seine Geschichte werfen. Zuerst auf die langen Jahrhunderte, die ohne Autorenrechte auskamen: Von der Antike übers christliche Mittelalter bis hin zum Barock war der Künstler Teil einer Gemeinde, deren Selbstverständnis er in seinen Werken ausdrückte und die im Gegenzug sein Auskommen sicherte. Die Polis, die Kirche, der fürstliche Hof finanzierten die Kunst. Diese Welt zerbricht mit der großen bürgerlichen Modernisierungs- und Individualisierungsphase um 1800. Der Künstler verliert seine quasi-naturwüchsige Gemeinde und muss sich nun selbst eine schaffen. Positiv gewendet heißt das: Er machte sich frei von der Überlieferung und von den geschmacklichen Fesseln feudalen Mäzenatentums. Das ist die Geburt des Autonomiegedankens in der Kunst: Der Künstler schafft sein Werk nicht mehr nach der alten Regelpoetik, sondern nach den inneren Maßgaben der von Kant fixierten Genieästhetik. Als Schöpfung ganz aus sich selbst oder besser noch: aus dem Nichts. Zugleich ist es die Geburtsstunde der Kunst als Ware, denn nun muss der freie Markt den Künstler ernähren. In dieser Situation verhießen garantierte Eigentumsrechte den Künstlern und Verlegern eine Lösung. In unserer digitalen Kopiergesellschaft stellt sich allerdings die Frage, ob das Urheberrecht diese Aufgabe noch erfüllen kann. Denn das Internet ist die vollendete Reproduktionsmaschinerie: Alles, was ins Netz eingespeist wird, ist mit ein paar Klicks zu haben, nicht selten kostenlos.“

Eine Lösung für die damit auftretenden Probleme, auch in Form eines Kompromisses (wofür es zahlreiche Vorschläge gibt, von einer „Kulturflatrate“ bis zu komplexeren Modellen wie sie etwa Philippe Aigrain unter dem Begriff „Creative Contribution“ vorgestellt hat), scheint momentan nicht absehbar. Gewiss ist nur soviel, dass der Ausgang der aktuellen Diskussion - die vor allem im deutschen Feuilleton nicht abzureißen scheint - nicht nur die Zukunft der Kultur, sondern auch die eines offenen Internets beeinflussen wird.


Donnerstag, 31. Mai 2012 um 18:36:13 von Kulturpool Redaktion

"Am 30.Mai ist der Weltuntergang"

Anlass
Das aktuelle Datum

Nicht nur im Internet kursieren zahlreiche Spekulationen zum bevorstehenden Weltuntergang. Das angebliche Ende des Maya-Kalenders am 21.Dezember 2012 hat auch die österreichische Medienlandschaft um ein einzigartiges Magazin mit konsequenterweise fixem Ablaufdatum bereichert. „2012 - Das vielleicht letzte Magazin der Welt“ berichtet bis zu deren prophezeitem Ende in knapp sieben Monaten alles Wissenswerte zum Untergang. Ob die Welt danach noch existiert oder nicht, spielt dabei für Herausgeber und Redakteure kaum eine Rolle. Denn das Datum ist - wie wir aus der Geschichte wissen - austauschbar und die Furcht vor bzw. die Lust an der Apokalypse ohnehin so alt wie die Menschheit selbst.


"Die Apokalyptischen Reiter" von Albrecht Dürer, Holzschnitt 1497/98 (Grafische Sammlung, Albertina)

Nicht nur bildende Künstler wie Albrecht Dürer (1471-1528) oder Hieronymus Bosch (1450-1516) und zahlreiche (Science Fiction-)Autoren haben sich mit dem Thema beschäftigt, sondern auch viele Filmemacher (etwa Roland Emmerich mit seinem Bluckbuster „2012“ aus dem Jahre 2009) und Musiker. Im Jahre 1954 schaffte es der Weltuntergang sogar an die Spitze der deutschen Hitparade. Karl Adolph Thelens Schlager „Am 30. Mai ist der Weltuntergang“, eine parodistische Würdigung einer auch damals einigen Presserummel verursachenden Untergangsprophezeiung, schallte wochenlang aus den Rundfunkempfängern und den in Deutschland und Österreich gerade sehr populären Wurlitzer-Geräten.

1997 wurde ein weiterer Apokalypse-Schlager (Franz Hohlers „Der Weltuntergang“) von Musikkritikern und Radiojournalisten sogar zum Preislied der deutschen Liederbestenliste erkoren. Ähnlich wie Hohler, der meint, der Weltuntergang hätte schon lange begonnen, sieht es auch Hubert von Goisern in seinem Lied mit dem gleichen Titel: „Aber lang, aber lang / Is schon her, dass ma / Mitanand untergeh'n / Wia sa si g'hert.“ Nicht zuletzt gehört der Weltuntergang zum Repertoire unzählige zeitgenössische Death-, Trash- und Black-Metal-Bands.

Dass Weltuntergangsszenarien vor allem in Wien künstlerisch auf guten Boden fallen, gilt nicht erst seit Karl Kraus (1874-1936) Österreich am Vorabend des Ersten Weltkriegs als „Versuchsstation des Weltuntergangs“ bezeichnet und seit er in seinem 1922 erschienen Mega-Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ das Motiv der Apokalypse zum Symbol für den Untergang des Geistes heranzog hat.

Johann Nestroy in der Rolle des Knieriem in "Lumpazivagabundus" (1860),

Karl Kraus, der Autor des Stücks "Die letzten Tage der Menschheit", auf einem Foto von Madame d'Ora.

Schon das Alt Wiener Volkstheater lebte von derartigen Szenarien, in denen der politische und gesellschaftliche Niedergang thematisiert wurde. Am deutlichsten wohl in Johann Nestroys (1801-1862) „Kometenlied“ (Musik: Adolf Müller senior), eines der bekanntesten Couplets der Wiener Theatergeschichte, das den drohenden Weltuntergang durch einen auf die Erde fallenden Himmelskörper als dramaturgisches Mittel verwendet, um aktuelle politische und kulturelle Missstände zu kritisieren; ein Mittel, das im Laufe der vergangenen 180 Jahre immer wieder von zahlreichen berühmten Schauspielern genutzt wurde, die Nestroys Couplet mit jeweils aktuellen Zusatzstrophen angereichert haben: „Ein Komet reist ohne Unterlaß / Um am Firmament und hat kein’ Paß; / Und jetzt richt´t a so a Vagabund / Und die Welt bei Butz und Stingel z’grund. / Da wird einem halt angst und bang, / Ich sag’: D’Welt steht auf kein’ Fall mehr lang.“

Der Schlager aus den deutschen Wirtschaftswundertagen wusste freilich die Angst ideologiekonform mit einem Augenzwinkern aus der Welt zu schaffen: „Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang / wir leben nicht, wir leben nicht mehr lang. / Doch keiner weiß in welchem Jahr und das ist wunderbar.“  Den 30.Mai 2012 haben wir jedenfalls eben überlebt.